Unterschiede der deutschen zur amerikanischen Szene?


#1

Guten Tag,
ich bin in dem Thread zum Rodecaster Pro Neues Podcast Interface/Studio von Rode angekündigt - Rodecaster Pro auf einige Bemerkungen aufmerksam geworden die auf Unterschiede der deutschen zur amerikanischen Podcast Szene anspielen.

Da ich persönlich auch gerne amerikanische Casts höre sind mir einige Sachen selber des öfteren aufgefallen und ich fragte mich woher diese Unterschiede stammen. Vielleicht können wir gemeinsam Licht ins dunkel bringen.

Beispiele:

und braucht man als Podcasting-Pro ja auch nicht, weil Kapitelmarken ja eh überflüssig und nur so ein komisches deutsches Ding sind. [Link]

Vielleicht ist es einfach auch unsere deutsche Sichtweise auf Podcast, aber sind Amerikaner wirklich so simple gestrickt, dass sie nicht die Möglichkeit des Postprocessing haben wollen? [Link]

Also, worin unterscheiden sich die beiden Szenen?
Warum sind Kapitelmarken ein deutsches Ding?


#2

Mir scheint vor allem die Kommerzialisierung in den USA weiter voran geschritten zu sein. Jeder noch so kleine Podcast wirbt für Squarespace, Blue Apron und Konsorten, während hier in Deutschland Werbung vorsichtiger angegangen wird.


#3

Gefühlt, wurde hierzu schon öfter diskutiert. Aber in der Suche konnte ich gar keinen Thread dazu identifizieren, außer diesen (der das Thema eher streift), der auch nicht weiter kommentiert ist: https://sendegate.de/t/die-amerikanische-podcastlandschaft/
Ich bin daher gespannt, auf Beiträge hierzu.


#4

Mir ging es genauso.

Gerade bei den Kapitelmarken würde mich interessieren ob es technische Gründe gibt, dass diese in Deutschland populärer sind.


#5

Ich würde es erst mal mit einer ganz einfachen These probieren:

Zeit ist Geld.

Die Kommerzialisierung ist in den USA deutlich weiter, darüber besteht vermutlich schnell Einigkeit. Da dort Podcasting also nicht wie hier vermehrt als “Hobby-Projekt” sondern als Broterwerb gesehen wird (oder als Unterstützung eines anderen Business), ist jede Minute die man dort an Zeit investiert teuer und kostbar.

Ich meine mich vage an ein Statement eines US-Podcasters zu erinnern erinnern, dem ich mal unseren Workflow erklärte: “Was? Für so was habt Ihr Zeit? Stundenlang? Ernsthaft? Hahaha!”

Wofür es dann scheinbar wirklich eher weniger Verständnis gibt ist, dass Metadaten ja auch das Produkt besser machen. Aber wenn es sich auch ohne verkauft: so what.


#6

Weißt du zufällig wie sich die Szene dort entwickelt hat? Die Chance mit dem Podcasten Geld zu verdienen entstand ja erst in den letzten Jahren, auch in den USA. Wie sah die Szene dort vorher aus? Auch eher durch Freizeit und Hobby geprägt?


#7

Weitere markante Unterschiede:

  • Headsets sind nahezu unbekannt. Die gängige Kombination ist teures Mikro (Shure SM7) auf vernünftigem Stativ, dazu Kopfhörer.
  • Die Software der Wahl ist Adobe Audition - weil man die im Adobe Creative Abbo ohnehin schon hat (Stichwort: Industriestandard).
  • Ferngespräche finden per Skype statt - StudioLink oder Mumbe etc. sind nicht bekannt.
  • Für Post-Processing werden zumeist teure VST-Effektsammlungen eingesetzt. Auphonic hat einen Markt, ist aber noch nicht in der Masse angekommen.

#8

Ich beschäftige mich damit schon länger.
Das Thema ist komplex, hier deswegen nur ein unvollständiger “Anriß” :slight_smile:

Ich pack’ es mal in vier “Fächer”:

  1. Dinge, die eigentlich gar nicht anders sind…
    Z.B. stimmt es gar nicht, dass der Großteil der Szene ach wie kommerziell sei. Libsyn gibt in ihrem Hauspodcast regelmäßig Statistiken raus und sind die ersten, die Dir sagen werden, dass >80% des globalen Traffics auf nicht-kommerzielle Projekte fallen. Ich habe mich mal mit Rob Walch, dem VP Podcaster Relations dort unterhalten und der geht so weit zu sagen, dass der sogenannte “Serial-Effekt” komplett in der Masse an Indie-Formaten untergeht zund eigentlich ein Journalisten-Phänomen ist das nicht durch Daten belegbar ist.
    Unser Blick auf die US Szene ist nur deswegen so kommerziell weil wir ein verzerrtes Bild des ganzen sehen. Würde man die Deutsche Podcastszene durch die Deutschen iTunes Charts erfahren wäre auch Deutschland hochkommerziell :slight_smile:

  2. Offensichtliche Unterschiede
    Ich greife mal nur zwei raus. Erstens: Scale, scale, scale… 500,000 Podcasts in den USA, 500m Menschen, die Muttersprachler sind. Das ist eine Ansage. Dadurch wird ein Markt geschaffen in dem sich Dienstleister, Arbeitsteilung und auf Skalierung angewiesene Geschäftsmodelle entwickeln können. Werbung funktioniert in so einem Umfeld viel Besser, Sponsorship auch.
    Der zweite definierende Unterschied ist der Aufbau der Radioszene. In den USA ist auch die ein vielfältiger Dienstleistermarkt in dem wenige zentrale Publisher (z.B. NPR) ein nationsweites Netzwerk aus tausenden Stationen mit Inhalten bestücken, aber weiterhin unabhändige Akteure bleiben. Bei uns gibt es viel weniger Medienhäuser und die machen dann praktisch alles von Produktion bis Ausstrahlung nud bleiben meist auch regional festgelegt…

  3. Historische Gründe
    Die ersten Podcasts in den USA kamen aus Nerd-Hand wie bei uns. Der sogenannte “Podfather” heißt Adam Curry und der podcastet auch heute noch. Er setzte auch den allgemeinen Standard was Stil, Tonfall und auch erste Technikauswahl angeht. Bei uns ist wohl Tim derjenige, der am ehesten Adam Curry gleichkommt und auch Tim hat hierzulande den hiesigen “Goldstandard” gesetzt.
    Die zweite Welle an Podcasts dann wurde in den USA von ehemaligen Radiogrößen angeschoben. 99% Invisible, Snap Judgement etc. Von denen kam dann der US “Goldstandard” des typischen Radiomikrofon nebst entsprechender Radiostimmenabmischung etc. SM7B, EV20, Rode Procaster sind typische Mikros die es da gibt und die NPR-style shows setzen auch einen Stil, der oft emuliert wird. Eine der einflußreichsten Figuren da dürfte Ira Glass sein, der mit “This American Life” eine Podcast-Schmiede gebaut hat auf die sich praktisch alle international bekannten heutigen Podcastformate irgendwie berufen können. Z.B. ist der Gimlet Gründer ein ehemaliger TAL Mann, Roman Mars kommt aus dem Umfeld, Serial ist von da etc…

  4. Kulturelle Gründe
    Podcasts werden in den USA anders konsumiert als bei uns. Beispielsweise gab es dort recht früh schon digitales Radio und Streaming Anbieter als man bei uns noch dateiweise heruntergeladen hat. Außerdem sind die typischen Zeiten im Auto in den USA länger als bei uns etc. Im Ergebnis sind in den USA viel mehr Hörer am Streamen und hören in Situationen in denen ihnen die Kapitelmarken egal sind. Außerdem ist auch hier die Historie ein wichtiger Faktor. Die hiesige “Berliner Blase” rund um Tim hat eben recht früh den Standard für lange Gesprächsformate mit Kapitelmarken gesetzt während in den USA Adam Curry und Co demonstrativ erklärten Kapitelmarken bräuchte niemand… Hinzu kommt, dass es “den einen” Standard für Kapitelmarken ja auch nicht gibt.
    Inhaltlich gibt es in den USA dann auch ein paar Themen, die bei uns nicht gleichermaßen gesetzt sind: Z.B. ist eine Vorliebe für Unterhaltung wo wie lieber Information haben und Amerikaner wachsen von klein auf mit True Crime Formaten auf, die dann natürlich in Podcasts wie Serial eine entsprechende Fortsetzung finden…
    Zur Kommerzialisierung allgemein: In Europa ist es fast schon ehrenrüchig wenn Du aus einem Hobby/Passionsprojekt auch noch einen Nebenerwerb machst. Wir sind hier entweder Künstler oder Profis. Leute, die mit einem Amateurprojekt versuchen Geld zu verdienen werden fast schon skeptisch beäugt und eventuell sogar abgelehnt (schau Dir mal entsprechende Diskussionen rund um Werbung und Kommerz hier im Forum an). In den USA aber ist es ganz selbstverständlich Anerkennung monetär auszudrücken und da ist es eher so, dass Du Deine Selbstbestätigung auch daraus ziehst, dass Dein Projekt Leute finden, die auch monetär beisteuern. Im Maximalfall sammelst Du halt dann für andere, aber Geld ist erst einmal alles wert das Aufwand erzeugt. Nicht umsonst kommt die Idee für Charity Sport zu machen aus dem Angloamerikanischen Kulturraum :slight_smile:

puh… hoffe, da stecken ein paar Antworten drin, die Du brauchbar findest.
//D


#9

Im privatbereich ist Audition und Audacity/Garageband, richtig. Aber die NPRs, Gimlets, WNYCs dieser Welt (und alle, die ihnen nacheifern) sind fest in ProTools Hand.


#10

Wow. Vielen Dank für den ausführlichen Beitrag!
Das hilft mir wirklich, ein schön umfassender Blick auf das Thema :slight_smile:


#11

Ein bisschen muss ich widersprechen, zumindest bei NPR wird auch mit einem Audioeditor eines kleinen Münchner Herstellers gearbeitet, da dieser voll in die NPR-Produktionsumgebung integriert ist. (Beweisfoto hier: https://twitter.com/NPREmbedded/status/964174345529675777)


#12

Da weiß man, was man hat. Ich schaue mir oft vor dem Hören die Kapitelmarken an und entscheide dann.


#13

Hm… vielleicht war das ja mal anders oder es hängt von der einzelnen Division ab. Ich habe mein Wissen aus einem Alex Blumberg Training und von Artikeln wie diesem: https://training.npr.org/blog/what-is-in-your-bag-amanda-aronczyk/
Vermutlich gibt es da aber auch Bewegung und Bandbreite. Audition nehmen sie jedenfalls nicht :wink:


#14

Die Podcastwelt ist in den USA diverser als in Deutschland, und dementsprechend wird je nach Background unterschiedliche Software verwendet. Aufwändige Produktionen nehmen ProTools, einfachere Hindenburg oder Reaper, die allermeisten Hobbypodcasts wahrscheinlich Audacity.

Ich habe schon öfter damit geliebäugelt, Amerikanern Studio-Link zu empfehlen, es aber gelassen, weil ich keine Infos über dessen Infrastruktur in den USA habe. US-Server wurden vor langer Zeit angekündigt, aber seitdem habe ich nichts gehört. Mir ist also nicht klar, wie zuverlässig und brauchbar die Software bei US-US-Verbindungen ist. US-DE geht aber auf jeden Fall gut, das habe ich schon mehrere Stunden lang erprobt.


#15

Wie sieht es denn mit der Übersetzung von Software und Website/Bedienungsanleitung aus bezüglich Ultraschall und Studio Link?


#16

Gibt es im amerikanischen Raum eine Art Sendegate, beziehungsweise ein Portal wo sich die Community trifft und austauscht?


#17

Nicht wirklich. Es gibt mehrere verschiedene Communities. Facebook, Reddit und verschiedene Slack Channels fallen da ein. Die sind jeder für sich auch einigermaßen groß und aktiv aber eben nicht das gleiche.


#18

Über das Reddit bin ich auch schon gestolpert fällt mir gerade auf. Keine wirkliche Community und interessanter Weise ganz andere Themen als hier im Forum.


#19

Vielleicht lohnt sich an dieser Stelle eine (subjektive) Ausschweifung auf die Public Radios in den USA, die ja schon länger im Podcastbusiness aktiv sind, als hierzulande. Und die Radiokultur dort hat auch massive Auswirkungen auf die Podcastinfrastruktur (zusätzlich gibt es viel mehr Austausch von Talenten als in Europa)

WNYC hat 2015 mit WNYC Studios eine Tochtergesellschaft gegründet und New York nach externen Podcast-Talenten abgegrast. Daher sind die Abteilungen Radio-Operations und WNYC Studios (Podcasts / digital) ziemlich unabhängig voneinander. Man kann WNYC Studios daher wohl mehr mit Gimlet etc… vergleichen, aber mit dem Vorteil, dass sie die Public Radios als zusätzliche Plattform haben.

Bei NPR sind Digital und Radio Units etwas besser integriert (obwohl es da auch noch viel Luft nach oben gibt). Meinem Empfinden nach sind bei NPR die Podcasts auch mehr von innen heraus entstanden, als von außen zugekauft.

Die Podcaster, die von “extern” kommen, haben teilweise gar keine Radioerfahrung und wollen natürlich die Tools weiterverwenden, die sie kennen. Sehr oft arbeiten die auch mit Apple Produkten. Lineares Radio ist aber größtenteils eine Windows Welt (ich kenne kein größeres Radio, das eine Automation auf Mac-Systemen laufen hat). Im Radio ist ProTools normalerweise nur beim Sounddesign und aufwändigeren Produktionen gesetzt. Für Nachrichten ist es in der Regel zu überdimensioniert.

Trotzdem gibt es Bemühungen zu einer Standardisierung und Integration der Werkzeuge. Der “Embedded” Podcast wird zum Beispiel im “Radio-Editor” geschnitten. Das kann damit zusammenhängen, dass Kelly McEvers vom Radio kommt. Ein anderer Grund kann sein, dass es in diesem “NPR-Ökosystem” integrierte Recherche- und Kollaborationsmöglichkeiten, einfachen Zugriff auf Nachrichtenfeeds und bei NPR verfügbaren Content gibt, die Metadaten- und Archiv-Workflows schon abgebildet sind, und man in der Regel auch schneller schneiden kann. Das sieht man sehr schön auf der NPR Webseite, da gibt es zu jedem Audio normalerweise ein Begleittext, Fotos und zusätzliche Inhalte. Diese zusätzlichen Daten werden bereits beim Entstehen des Beitrags mit eingepflegt und wandern mit. Das sind natürlich Anforderungen, die bei den reinen On-Demand Firmen und den privaten Podcastern weniger ausgeprägt sind, oder durch eine individuelle Ansammlung verschiedener auf dem Markt verfügbarer Tools abgedeckt wird.

Unabhängig davon und weil mans nicht oft genug erwähnen kann, https://training.npr.org/ ist eine super Informationsquelle für alle die Audio produzieren wollen.


#20

Durchwachsen. Die Software ist englisch, die Website ist deutsch und eine Bedienungsanleitung gibt es nur in Form von Videos. Und die sind auf deutsch. @rstockm hat den Komplex hier im Forum aber schon abschließend beschrieben. Musste mal suchen…

Update: z.B. hier FAQ: Ultraschall auf Englisch?