Spielepodcasts und Bezahlschranken via Patreon


#1

Kleiner Blick in die deutsche Podcastlandschaft: In letzter Zeit haben einige der bekannteren Spielepodcasts (gemeint sind hier Computerspiele) signifikante Anteile ihrer Inhalte Patreon-Unterstützer-exklusiv gemacht.

Unter den Spielepodcasts nutzen eine ganze Reihe schon länger Patreon. Ein besonders erfolgreiches Beispiel war etwa Insert Moin, ein werktäglicher nun wochentäglicher Podcast. Das Modell war dabei bisher, dass die Inhalte (von einzelnen Bonus-Episoden) abgesehen, für alle frei zugänglich sind.

Die gegenwärtige Änderung rührt soweit ich das überblicke vom Erfolg eines einzelnen Podcasts her: Auf ein Bier wird von zwei Leuten gemacht, die aus dem Spieljournalismus kommen. Sie haben hier ein Hobbyprojekt in ein kommerzielles, journalistisches Angebot umgewandelt und verfolgen die Vision eines Audio-Spielemagazins. Während das Kernprogramm weiterhin für alle verfügbar ist, setzen sie dabei auf regelmäßige Extraformate, die nur für Patreon-Unterstützer verfügbar sind, auch nach Höhe der Unterstützung gestaffelt. Das geht über bisherige Bonus-Inhalte deutlich hinaus.

Der Erfolg hat nun zwei andere Podcasts dazu gebracht nachzuziehen. Das erwähnte Insert Moin hat von seinen bisher frei verfügbaren sechs Sendungen pro Woche eine exklusiv gemacht und eine weitere exklusive hinzugefügt. Und Stay Forever ebenfalls ein sehr bekannter Podcast, der ältere Spiele bespricht, ist diesen Monat erstmals auf Patreon gegangen und hat seine weiterhin freien Inhalte ebenfalls um auf Unterstützer-beschränkte Inhalte ergänzt.

Die Frage nach dem Erfolg beantworte ich mal mit diesem Überblick:

  • Patreon: Auf ein Bier - 7.776 USD pro Monat / 1769 Unterstützer - 2 Sprecher - 5 exklusive Formate
  • Patreon: Stay Forever - 6.650 USD pro Monat / 1065 Unterstützer - 2 Sprecher - bisher 2 exklusive Formate
  • Patreon: Insert Moin - 2.115 USD pro / 482 Unterstützer - 3 Sprecher - 2 von 7 Wochentagen exklusiv (2 Formate)

Podcasts und Bezahlschranken
Patreon-Vermessung für Podcasts
#2

Aus einem anderen Thread:

Ja, die Spieleveteranen hatte ich nicht im Blick. Kann man hinzufügen. Die scheinen tatsächlich auch am bisher längsten ein monatliches “Patreon-Special” (April letztes Jahr) zu unterhalten, wobei ich den Umfang nicht einschätzen kann. Allerdings denke ich dennoch, dass der kleine Trend mit dem Erfolg von Auf ein Bier zu begründen ist.


#3

Sehr erwähnenswert dabei: die Zahl der Patreons sowie die Summe ist daraufhin deutlich (ich kann es nicht sicher sagen, aber dürften so 600-700$ sein) gestiegen. Der exklusive Inhalt funktioniert also sehr gut und die Leute sind bereit zu bezahlen.


#4

Wobei einer der Macher auch gesagt hat, dass die Unterstützer-Anzahl auf Patreon wegen der exklusiven Inhalte der anderen Podcasts sogar zurückgegangen ist. Aus einer Diskussion zur relativ abrupt erfolgten Umstellung:

Als wir dann auch noch spürbar Patreon-Zuspruch verloren haben nach und
nach, weil “die anderen” immer mehr Patreon-exklusiven Inhalt anbieten,
war dieser Schritte hin zu Premium bei IM und das klare Ansprechen
dieser Idee/Vision dann aber dringend notwendig

Das kann man mit folgender Internetseite, die Patreon-Accounts trackt, nachvollziehen.
Vergleiche (auf das Jahr zoomen):



#5

Ich habe mich Anfang des Jahres schonmal ausführlicher mit der Patreon-Situation in Deutschland auseinandergesetzt und bin da auf genau das Phänomen gestoßen: die Leute supporten oft nur ein, höchstens zwei Projekte. Daher ist die deutsche Zielgruppe auf der Plattform grad natürlich ziemlich umkämpft.


#6

Danke, für den Link. In den Kommentaren wurde die aktuelle Entwicklung ja auch noch diskutiert. Also ich finde vorallem interessant, ob sich hier ein Trend für diese Nische und dann darüber hinaus abzeichnet. Allerdings, wenn die paar Akteure das Potential ausschöpfen würden, dann kann es kein Trend werden. Und Computerspiele gehören vermutlich zu den Themen, die mit das größte Publikum ziehen mit einer Zielgruppe, die durch Erfahrungen mit digitaler Distribution und Crowdfunding von Spielen vielleicht am ehesten bereit ist, Patreon zu verwenden.

Aber das muss man sehen. Es wäre auch möglich, dass diese Angebote die Nutzerbasis auf Patreon für die Nische der Spielepodcasts erhöhen. Ein exklusiver Inhalt bietet viel mehr Anreiz die Hürde zur Nutzung der Plattform zu überwinden.

Eine weitere Frage wäre, ob man mit Zeitexklusivität Ähnliches erreichen könnte.


#7

Ich weiß ja nicht … ich finde das eher bedenklich bzw. bin ich da sehr zwiegespalten …

Auf der einen Seite freut es mich sehr, dass Podcasts von den Hörern so unterstützt werden, dass die Macher Zeit und Geld investieren können.
Auf der anderen Seite würde ich es gerne sehen, dass der ganze Content frei verfügbar ist und natürlich würde ich es auch gerne andere Ideen (wie zB Puerto Patida) stärker unterstützt sehen.


#8

Das ist tatsächlich spannend. Überspitzt zusammengefasst: Jeder auf Patreon muss exklusiven Content bieten und hoffen, damit in die “Top 2” seiner Spender zu gelangen und somit die Konkurrenz abzudrängen.

Zum Glück muss ich mit meinem GameTalk da nicht mitspielen. In der Schweiz ist die Finanzierung via Patreon sowieso undenkbar, da die Lebenserhaltungskosten viel höher sind.


#9

Ich hoffe, dass sich das Publikum mit steigender Verbreitung (Patreon ist ja noch jung und die deutschsprachigen Kampagnen starten gerade erst richitg durch) breiter fächert. Vielleicht nicht überall die “Exklusiv”-Summe von ~5$ pledgen, aber zumindest hier und da noch die 2$ im Monat zusätzlich liegen lassen. Ich denke (befürchte?) aber, dass Exklusiv-Content als Motivation für die höheren Summen bleiben wird.


#10

Die Aussage muss ich nach einem weiteren Blick auf die Graphtreon-Kurve korrigieren: “[D]ann auch noch spürbar Patreon-Zuspruch verloren haben” heißt wohl nicht, dass die Zahl der Unterstützer zurückgegangen ist, tatsächlich ist sie langsam weiter gewachsen, sondern die Höhe der Unterstützung pro Kopf scheint zurückgegangen zu sein.

[quote=“cw_deschain, post:7, topic:4212, full:true”]Ich weiß ja nicht … ich finde das eher bedenklich bzw. bin ich da sehr zwiegespalten …

Auf der einen Seite freut es mich sehr, dass Podcasts von den Hörern so unterstützt werden, dass die Macher Zeit und Geld investieren können.
Auf der anderen Seite würde ich es gerne sehen, dass der ganze Content frei verfügbar ist und natürlich würde ich es auch gerne andere Ideen (wie zB Puerto Patida) stärker unterstützt sehen.[/quote]

So wie sich mir das darstellt, stützen im Moment die exklusiven Inhalte das freie Angebot sind aber gleichzeitig ohne eine Finanzierung auch nicht möglich. Es gäbe sie ohne das Patreon-Konstrukt also nicht. Und was sich hier für die Nische und die Plattform abzeichnet, ist, dass man Podcasts leichter verkaufen als sie durch Spenden unterstützen lassen kann.

(Natürlich kann damit einhergehen, dass man auch anders über die Podcasts denkt: Als Perspektive, unterstütze ich jemanden oder kaufe ich Inhalte. Das ist ein Unterschied.)

In den Kommentaren zu seinem Superlevel-Artikel hat @sofakissen auch gameswirtschaft.de zu dem Thema verlinkt: http://www.gameswirtschaft.de/marketing-pr/games-podcasts-patreon/


#11

Spannende Einblicke, danke! Ich hoffe sehr, weiter auf exklusive Inhalte verzichten zu können. Aber bewege mich auch in einer anderen Nische der Podcasts (Fußballpodcasts), da ist es für mich gerade noch einfacher, da ich dort sehr bekannt bin.


#12

Naja bei den oben genannten Beispielen klappt es ja auch nur so gut bzw. kommen so viele Spenden rein, weil die Macher bekannt sind.


#13

Um unverschämt Werbung zu machen, aber es passt so perfekt:

Ich habe hier & hier mit (fast) allen genannten Podcastern über die Finanzierung ihrer Projekte gesprochen. Teilweise kamen da gar Kleinkredite zum Einsatz. Wer hören will, was die betroffenen Podcaster selber dazu sagen, kann sich das gerne zu Gemüte führen. Gibt Kapitelmarken zur schnellen Orientierung.


#14

Also auch wenn wir unseren nur zum Spaß machen, wäre es schön cool davon leben zu können. Ich wäre schon krass überrascht, wenn wir unser Equitment davon finanzieren könnten.

Die meisten werden wohl eher nicht so viel Unterstützung bekommen.


#15

Übrigens war mir gar nicht so klar, aber ich glaube Auf ein Bier könnte gerade der Podcast mit den höchsten monatlichen Beiträgen sein. Ich habe noch keine gute Übersicht dazu gefunden.

Am meisten im Deutschland bekommen glaube ich die Youtube-Videoproduzenten von Kurzgesagt, wobei die auch englische Videos herstellen. Das sind derzeit 20.535 USD bei 5.325 Unterstützern, entspricht Platz 8 für die gesamte Plattform. Das mal zur Orientierung.


#16

Das sehe ich aktuell auch so. Exklusive Inhalte scheinen auch da gut anzutreiben.


Ein Update:
Manu von Insert Moin hat gerade auf Facebook bestätigt, dass eine Paywall für Premium-Content die Patreon-Gelder ankurbelt.

Kleiner Rückblick auf 2016 aus Podcastsicht:
Am 9. Oktober dazu entschieden, auch bei Insert Moin auf Premium-Podcastinhalte zu setzen und von 6 Folgen auf 7 Folgen die Woche hochzugehen. Every fuckin’ day! Seitdem ist die Patreon-Bereitschaft spürbar gestiegen und rund 550 Menschen geben uns im Schnitt 5 Dollar pro Monat. Ein paar sind natürlich auch abgesprungen, aber insgesamt haben wir enormen Zulauf und positives Feedback bekommen.
Bei einer Abonnentenzahl von knapp 20.000 Hörern laut Feedtracker eine Quote von 2,75 % - Also zu meinen Agenturzeiten wäre diese Quote durchaus als Erfolg verbucht worden. :slight_smile: Trotzdem erstaunlich, wie viel Reichweite man braucht, um genügend Leute zusammentrommeln zu können, damit man ohne Werbung, Sponsorings und Schleichwerbung über die Runden kommt - und davon sind wir schließlich noch weit entfernt. Freue mich, dass diese Art der Crowd-Finanzierung, die wir zumindest für Podcasts in Deutschland ins Rollen gebracht haben, so positiv aufgenommen wird und sich durchgesetzt hat. Aber da geht noch einiges, wenn man die Kollegen von The Pod (AeB) und Stay Forever anschaut!
Ich bin so oder so sehr dankbar für den Support, der es ermöglicht, diese Herzensprojekt mehr und mehr auszubauen und auch zumindest bereits (teil)beruflich machen zu können. Natürlich auch und NUR mit der großen Hilfe und Unterstützung von Daniel, Michael, Stefan und Max - love u guys! <3
Freue mich auf 2017 und auf viele weitere Podcasts und Spiele! Danke auch an die vielen Gäste und Interviewpartner aus unserem Blog-, Podcast- und Redaktions-Umfeld. Merci!


#17

Ein weiteres Update zum Thema:

Manu von Insert Moin hat ja bereits in der Spielepodcaster Talkrunde über die Finanzierung seines Podcasts gesprochen. Noch ausführlicher hat das die Insert Moin Crew nun in einer eigenen Episode gemacht.

Was ich herausziehe:

  • Die Hörerschaft scheint tatsächlich ein fixes Patreon-Budget zu haben. Das wird dort investiert, wo man für die Spende am meisten Gegenwert bekommt. “Spende” scheint ergo bald der falsche Begriff zu werden. Entsprechend: Wer keine Paywall einführt, bleibt auf Patreon stehen oder bewegt sich sogar rückwärts. Wer auf Patreon-Gelder angewiesen ist, braucht also (den attraktivsten) Content hinter einer Paywall.
  • Weiter werden Patreon-Beträge genannt, die eingenommen werden müssten, um beruflich Vollzeit podcasten zu können. Für Deutsche hier könnte das interessant sein. Für Schweizer natürlich nach wie vor utopisch.
  • Mehr Podcaster bedeutet natürlich mehr Geldbedarf. Bei Podcasts mit überschaubarem Episodenoutput pro Zeiteinheit sollte man vielleicht nicht mit mehr als einem oder zwei Mitpodcastern arbeiten.

#18

Ja, die Folge habe ich auch gehört. Insert Moin hatte ja von Anfang an das Problem, dass sie sich mit der Folgenzahl und damit Exklusivformaten nicht mehr steigern konnten (weil sie einen wochentäglichen Podcast haben). Sie können lediglich weitere Wochentage oder vielleicht einzelne Tage im Monat exklusiv machen. Tatsächlich ist soetwas geplant, reguläre frei zugängliche Folgen (Mo bis Fr) sollen gelegentlich durch ein Exklusivformat ersetzt werden. Viel mehr lässt sich vermutlich nicht rausholen, da der Podcast sich sehr auf Gäste stützt und die sind denke ich an der Reichweite interessiert.

Als Gegenwert der Unterstützung wird deshalb hauptsächlich angeboten, dass mit einer größeren anteiligen Finanzierung der Podcaster über Patreon mehr Zeit in den Podcast investiert und damit die Qualität gesteigert werden kann. Das ist natürlich abstrakt und in der Bewertung der Umsetzung eher subjektiv. Es läuft also im Bezug auf dieses Ziel darauf hinaus, dass man aus der Sicht der Unterstützer eher um Spenden wirbt. Wenn man jetzt davon ausgeht, dass es im Patreon-Umfeld darauf ankommt ein attraktives Zusatzangebot zu verkaufen, dann ist die Position von Insert Moin dementsprechend schwächer. Vermutlich würde es helfen, wenn sie das Ziel der Qualitätsteigerung in nachvollziehbare Teilverbesserungen herunterbrechen könnten.

Der Vorreiter “Auf Ein Bier” (jetzt “The Pod”) hat derweil einen Mitarbeiter einstellen können.

Übrigens, wen das interessiert, auch Stay Forever hat so eine Rechenschaftsepisode: http://www.stayforever.de/2017/01/wo-wir-stehen-zwischenfolge/ und The Pod hat sogar ein unbescheiden benanntes Weltherrschaftsformat: https://www.gamespodcast.de/2017/03/08/weltherrschaft-11-unterwegs-zum-neuen-stretch-goal/ Anhand dieser Folgen kann man die Entwicklung des Projektes sehr gut nachvollziehen.


#19

Hier noch ein Update (die Steigerung jeweils im Vergleich zu Oktober 2016, also nach etwa viereinhalb Monaten):


#20

Interessant. Wie schon oben gesagt: Ohne Gamestar würde Insert Moin das Ranking anführen.

Gerade Auf ein Bier finde ich doch äußerst grenzwertig - in Sachen Qualität (Kapitelmarken, Klang, etc) und auch Inhalt(Stichwort Pessismist im Snopgewand)