Mikrofon-Empfehlung für Aufnahme eines Dialogs


#1

Hey zusammen.

Ich werde wohl demnächst ein Zwiegespräch (naja, vielleicht wird’s auch eher ein Interview) zwischen zwei Personen aufzeichnen. Audio-Interface ist vorhanden und da ich die räumlichen Gegebenheiten nicht kenne, hätte ich jetzt spontan zwei Headsets eingepackt (ein drittes für mich zum Mitlauschen und Kontrollieren).

Mal angenommen, ich würde die Gesprächspartner aber nicht mit Headsets “belästigen” wollen – was wäre eine mögliche Alternative, um trotzdem passablen, podcasttauglichen Klang zu bekommen?

Nimmt man da sowas hier: https://www.thomann.de/de/the_tbone_sc140_stereoset.htm? Oder wären Ansteck-Mikros geeigneter? Was passiert, wenn man bei geeignet ruhiger Umgebung einfach ein Zoom H6 mit den zwei Mikrofonen oben drauf zwischen die Sprechenden stellt?

Und falls es doch auf Headsets hinausläuft: Gibt es mittlerweile (preislich und qualitativ) etwas zwischen dem HMC660 und dem DT297?

Ich hab da ziemlich viele Fragezeichen und bin für jede Empfehlung dankbar!


#2

Bei unbekannten räumlichen Gegebenheiten halte ich Kondensatoren, auch kleine, für ein gewisses Risiko. Würde ich nicht empfehlen.

Die 140er hatte ich privat mal im Test; sie gingen aufgrund ihres Rauschverhaltens aber sofort retour. Damals hatte ich noch keinen Zoom, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sie da besser sind.
Im Job habe ich von Røde sowohl die M5 MP wie auch die NT5 eingesetzt (Instrumentenabnahme) und hatte keine Probleme. Für Sprachanwendungen habe ich sie nicht getestet.

Privat besitze ich ein Røde M3, das ich mal als Interview-Mikrofon eingesetzt habe. War damals leider nicht besonders gutmütig (outdoor, sehr beweglicher Interviewpartner). Da verzeiht ein Kondensator leider nur wenig.

Es dürfte gemeinhin bekannt sein, dass ich ein Fan des Dynamikers Sennheisers e835 bin. Gutes Preis-/Leistungsverhältnis, unproblematisch in der Aufnahme. Macht sich gut “an der Front”, wenn man nicht weiß, was auf einen zukommt.
In Deinem Fall würde ich das H6 mit dem MSH-Modul für die Atmo einsetzen und zwei e835 (ggf. mit Tischstativ) für die Gesprächspartner.

Je nach Budget - leider noch nicht getestet - könntest Du auch ein Sennheiser MD42 (Kugel) oder MD46 (Niere) als Reportermikro einsetzen.
Wer es auf die Spitze treiben möchte, hat natürlich ein Sennheiser MD421 am Start… :grinning:

Tipp fürs Budget: Mikrofone kann man auch zu günstigen Tagespreisen beim PA-Verleiher des Vertrauens mieten und testen.


#3

Für’s Sennheiser MD421 braucht’s aber 'n Vorverstärker, zu wenig Pegel für dem ZOOM H6.
In https://en.audiofanzine.com/small-diaphragm-condenser-microphone/the-t-bone/SC-140-Stereo-Set/user_reviews/ heißt es “Not recommended for voice, even with the hoods, pops pass too easily.”

89€ für ein Stereo-Pärchen kommen mir arg “preisgünstig” vor, zumal man heutzutage keine "matched pair"s mehr braucht. Die Fertigungstoleranzen sind klein genug, so ein Sennheiser-Mitarbeiter.

Ich habe 2 https://www.thomann.de/de/akg_perception_p170.htm, noch nicht richtg gebraucht, aber Tests verliefen vielversprechend.

Mikrofone erfordern - im Gegensatz zu Headsets - Mikrofondisziplin. Heftige Kopfbewegungen sind zu vermeiden. Aber wenn sich die Geprächspartner gegeübersitzen ist das Risiko dafür recht gering.


#4

Danke euch – das klingt für mich alles komplett vernünftig und hilft auf jeden Fall schon mal weiter!

Könnt ihr einem Audionoob wie mir vielleicht noch verständlich erklären, wie genau sich die Unterschiede zwischen Dynamik- und Kondensator-Mikro in der praktischen Anwendung bemerkbar machen – vor allem was Sprechabstand, Raumbeschaffenheit, Popschutz und Nebengeräusche angeht? Worauf muss ich achten und was kann mit die Technik im Zweifelsfall verzeihen? Wie weit darf ich die Sprecher von den Mikros wegsetzen – und was passiert, wenn sie beim Sprechen mal den Kopf drehen?


#5

Überlege ernsthaft, ob die „keine Headsets“ Regel wirklich so zwingend ist. De facto löst du damit 95% der Aufnahmeprobleme, auch und gerade für Nicht-Profis.


#6

Neee, die ist gar nicht zwingend! Ich wollte doch nur mal alle Optionen eruieren. :wink:

Aber gibt’s denn in Sachen Headsets mittlerweile etwas zwischen HMC660 und DT297?


#7

Das Thema hatten wir hier schon mit verschiedenen Schwerpunkten, unter anderem


#8

Nein, leider nicht. Zumindest nichts, was nicht in Sachen Audioqualität zwei Ligen darunter spielt. Eine Variante wäre, über Nackenbügel-Mikros zu gehen, da sieht die Auswahl schon bedeutend besser aus. Ein Beispiel hier:


#9

Das dürfte wohl am Gesprächspartner liegen. Wenn ich der Inteviewpartner wäre (was zum Glück nicht vorkommen wird), könnte ein Podcaster, der mir seine (!) Headsets aufpflanzen möchte, gleich wieder einpacken.

Wenn ihr eine Straßenumfrage macht, setzt ihr euren Befragten ja auch keine Headsets auf.

Nackenbügelmukrofone würde ich mir u.U. noch gefallen lassen, aber auch das hat etwas mit Tragekomfort zu tun. Der Shure-Dynamiker oder das Sennheiser Funk-Basismodell empfinde ich als unangenehm.

Selbst in Radiostudios müssen Gesprächspartner nicht mehr zwingend Kopfhörer aufziehen. Sie sprechen ins Mikrofon, um den Rest haben sie sich nicht zu kümmern. Fertig.


#10

Spätestens hier scheint die Argumentation zu entgleiten. Die akustische Umgebung in einem Radiostudio ist ja nicht unbestimmt und unvorhersehbar und die Kosten für die Ausstattung werden auch nicht aus einem Liebhaberbudget bestritten.
Ging es nicht ursprünglich um eine möglichst universelle Lösung für wenig beeinflussbare und nicht immer bekannte Umgebung, die einem Liebhaber (Hobby) leistbar ist?


#11

Ich hatte mich lediglich gegen Headsets / Kopfhörer ausgesprochen. Das war ein Nebenast der Diskussion, ganz unabhängig von der Wahl des Mikrofons.
Die Wahl des Mikrofons ist das eine; dem Gesprächspartner ein Headset / einen Kopfhörer aufzusetzen etwas anderes.


#12

Ich finde, hier sollte man mal die Kirche im Dorf lassen. @timpritlove hat in CRE und Forschergeist Hunderten Menschen ein Headset aufgesetzt - bei Forschergeist dutzenden hochdekorierten C4-Profs.
Meines Wissens nach hat sich niemand jemals beschwert, dafür hat man immer 100% kontrollierten Klang.
Meiner Meinung nach sind Headsets überhaupt kein Problem wenn man es einfach ein bisschen erklärt, ausprobieren lässt, moderiert.


#13

Ich verwende seit fast 13 Jahren Headsets. Anzahl der Gesprächspartner, die damit ein Problem hatten: nahezu keiner. Schwierig sind vielleicht noch Brillenträger, aber daran ist auch noch nie eine Sendung gescheitert. Wird halt auf Dauer ein wenig warm, das war’s dann auch.

Im Gegenteil: die intime Atmosphäre unter Kopfhörern schlägt alles andere 5:1.


#14

Mein Gefühl ging schon auch in Richtung Headsets, ich wollte mich nur mal mit den Alternativen auseinandersetzen.

Ein dickes Danke für eure Einschätzungen und Empfehlungen!


#15

Kommt das nicht auch ein bisschen auf den Gesprächspartner an? Ich treffe da regelmäßig auf wenig Verständnis für nerdige Qualitätsansprüche. Richtiger Umgang mit Handmikro – schwierig. Mit Headsets Frisur ruinieren – undenkbar. Ein Dilemma, wenn du mit Amateuren zu tun hast.

Was ausgesprochen gut funktioniert, sind Earsets. Mit diesem hier (https://www.thomann.de/de/akg_cobt_mini_earmic.htm) bin ich extrem zufrieden.

  1. rauscharm
  2. Mikroarm und Kabel völlig gegen Berührungen unempfindlich
  3. blendet Umgebung ganz ordentlich aus
  4. keine Probleme mit der Positionierung

Zum Fixieren des Mikrofonarms an der Wange verwende ich antiallergenes, hautfreundliches Pflaster. Hatte ich aber auch schon mal vergessen und obwohl die Kapsel dadurch etwas abstand, war das Ergebnis hervorragend.

Die Dinger sind so leicht und haben so lange Kabel, dass sie gar nicht stören. Auch optisch – falls nebenher Fotos entstehen.


#16

Grundsätzlich darf man Kondensatormikrofone als empfindlicher ansehen. Je nach Modell hören sie die Flöhe husten. Im Gegensatz zu Dynamikern erlauben sie größere Mikrofonabstände, aber da kommen dann u.U. Raumhall oder andere Nebengeräusche ins Spiel, die wiederum gerade von Kondensatoren aufgrund ihrer höheren Empfindlichkeit leichter aufgezeichnet werden.

Unter professionellen Sprechern herrscht die Meinung vor, dass Großmembran-Kondensatoren besser für das Hörempfinden sind, weil sie “wärmer” aka schmeichlerisch aufnehmen. Kleinmembraner nehmen in aller Regel linear / neutraler auf. Bei Sprache sollte das eigentlich ein Vorteil sein, und dennoch wirkt es auf den Zuhörer nach einer gewissen Hördauer eher anstrengend. Offenbar spielt uns da unser Gehör (mal wieder) einen Streich.

Bitte etwas Vorsicht mit Kondensatoren im Outdoor-Einsatz, sie mögen keine Feuchtigkeit. :umbrella:

Die Raumbeschaffenheit spielt immer eine Rolle, denn selbst ein “tauber” Dynamiker bekommt etwas vom Raum mit. Der Dynamiker nimmt natürlich nicht so viel davon mit wie der Kondensator.

Gleiches gilt für Nebengeräusche. Mein Lieblingsbeispiel ist immer noch das Straßeninterview auf dem CSD, als die Parade vorbeizog. Der Interviewpartner wurde etwas lauter, um gegen den Umgebungslärm anzusprechen. Die Atmo blieb - automatisch - im Hintergrund, war aber genau richtig für das Interview. Mit einem Kondensator wäre das vermutlich übersteuert gewesen - ich hätte den Sprecher herunterregeln müssen und der Hintergrund wäre präsenter in die Aufnahme gekommen.

Popschutz würde ich bei beiden empfehlen. Der ungeübte Sprecher wird an beiden Wandlertypen seine Plosivlaute hörbar machen. Allerdings wird auch hier der Kondensator seine Empfindlichkeit zeigen, weil man ihn auch aus größerem Abstand immer noch anpusten kann.
Wie auch immer: Hier gilt “nie ohne”.

Ganz klar, der Mikrofonabstand wird eine Rolle spielen (müssen). Positioniere das Mikrofon so, dass Du dem Partner nicht zu sehr auf die Pelle rückst und er sich am Tisch bewegen kann, ohne dass er aus dem Aufnahmebereich rückt. Ich empfehle dabei ein Tischstativ (aber bitte mit Auszug, so dass er nur knapp über das Mikrofon drüber spricht). Mein Liebling für solche Fälle ist das K&M 23150 (hier mit 3/8"-Gewinde), weil es sowohl kompakt als auch vergleichsweise leicht ist.

Du wirst anständig monitoren müssen, um Störgeräusche im Vorfeld zu erkennen und darauf vor der Aufnahme reagieren zu können. Ich habe auf einer Messe mal gemerkt, wie wichtig es ist, auf die Umgebungs-Atmo zu achten.
Eklig kann es werden, wenn der Gesprächspartner den Wechsel zwischen laut und leise nicht so richtig im Griff hat, z.B. wenn er sich bei seinem Lieblingsthema ereifert und unbeabsichtigt lauter wird. Das musst Du einschätzen können. Das Monitoring wird Dir - nicht nur - in diesem Fall die Aufnahme retten!

Was kann die Technik verzeihen?
Relativ viel - außer Übersteuerungen. Und: Das Nutzsignal sollte immer deutlich stärker als das Störsignal sein.Die Kunst der ordentlichen Aussteuerung.
Nch meiner Erfahrung verzeihen Dynamiker mehr als Kondensatoren. Der Kondensator erzeugt im Zweifel die höheren Peaks.

Kleine Korrektur: Wie weit darf das Mikrofon vom Gesprächspartner weg sein? Mikrofone können nachgeführt werden. Der Gesprächspartner setzt sich und danach richtest Du das Mikrofon aus.
Bei Kondensatoren wird eine Entfernung von max. 30 cm - eine Lineallänge - (im akustisch sauberen Raum) angenommen; in der Praxis sind es dann doch eher 20 cm. Beim Dynamiker etwas weniger.

Wenn der Sprecher seinen Kopf wegdreht, also aus der Einsprechrichtung des Mikrofons heraus, dann verlieren beide Mikrofontypen. Da kann man so ziemlich gar nichts machen.
Verändert er seinen Einsprechwinkel zum Mikrofon, indem er leicht zur Seite schaut, aber noch im Fokus des Mikrofons ist, passiert nicht allzuviel. Allerdings hat sich hier die Charakteristik “breite Niere” als hilfreich erwiesen. Je enger die Charakteristik, desto stärker muss man den Gesprächspartner im Zaum halten. Daher halte ich in diesem Fall Supernieren für wenig hilfreich.

Menen Setup-Tipp für die in der Ausgangsfrage angesprochene Problemstellung habe ich ja schon abgegeben:

Mit diesem Equpment im Technik-Koffer würde ich das Projekt in Angriff nehmen - außer, dass es bei mir ein H5 wäre. :wink:


#17

Wow, der Hammer! Danke für diese ausführliche Erklärung – ich werde mir das mal ausdrucken und unters Kopfkissen legen!


#18

Soviel zur aktuellen Nutzung von Kopfhörern für Interview-Gäste im Radiostudio …


#19

Nun denn, ich will ja nicht als beratungsresistent oder ideologisch verbohrt angesehen werden.
Da ich bislang eher der Mensch am Mischpult oder am Pocketrecorder war, war das Monitoring per KH für mich natürlich eine Selbstverständlichkeit. Klar, ich muss das Ergebnis ja auch sauber zusammenfahren (shit in, shit out). Das ist meine Baustelle.

Vielleicht fehlt mir die richtige Perspektive des Podcasters: Mein Gast trägt Kopfhörer / Headsets (Kombinationen), weil: [Hier bitte Argument(e) einsetzen, das/die ich bislang übersehen habe].

Vielleicht komme ich so auf den besseren Weg. Wer weiß?