Podcasts in der Lehre (Universität/Schule)


#8

In unserem Modellansatz Podcast setzen wir das Medium Podcast aus mehreren Gründen ein: Zum einen wollen wir natürlich zeigen, was Mathe praktisch bedeutet- eigentlich in allen Gesprächen kommen die Anwendungen und Themen zur Sprache, aber auch wie unterschiedlich die Menschen sind, die sich mit Mathematik beschäftigen, und wie sie dazu gekommen sind.

Dann sprechen wir sehr gerne mit unseren Absolventen, die dadurch einmal ihre spannenden Erkenntnisse nicht nur für den Prüfer in ihre Arbeit niederschreiben, sondern auch einen breiteren Kreis an Interessierten erreichen. Dies richtet sich aber nicht nur an die Öffentlichkeit, sondern auch an Wissenschaftler anderer Fachrichtungen, die so recht detailliert mitbekommen, was bei uns geforscht wird.

Sehr großes Interesse treffen die Podcasts über Vorlesungen, so ist unsere Folge zur Analysis immer ganz weit oben in unseren “Charts”. Es scheint gut anzukommmen, dass man in einem etwas längeren Podcast einen Abriss des roten Fadens einer ganzen Veranstaltung erhält. Und wir können auch über das Thema der Lehre an sich sprechen, denn da gibt es ebenso spannendes zu berichten.

Zentral sind natürlich die Gespräche mit Forschern über ihr ganz spezielles Arbeitsthema, und hier ist das Gespräch mit Christian Spannagel ganz besonders interessant: Hier geht es auch um das Prinzip des Inverted Classroom, bei dem das passive Zuhören zur Hausaufgabe und das Lösen von Aufgaben zum gemeinsamen Unterricht wird.

Er benutzt dazu hauptsächlich Videos, aber wir halten Podcasts ebenso gut dafür geeignet: Bei einem Praktikum, das je nach Ausrichtung der interdisziplinären Teilnehmer unterschiedliche Themen durchnimmt, kann durch Podcast-Folgen zu Themen, die dieses Semester nicht durchgenommen wird, mitsamt den weiteren Unterlagen ausgezeichnet ergänzt werden.

Und am Ende meiner aktuellen Vorlesung zu digitalen Währungen werde ich den Studierenden jetzt die Möglichkeit geben können, die dazuhörige Folge vom letzten Jahr zur Wiederholung des Themas anzuhören.

Auch wenn wir gerade aus Zeitgründen etwas langsamer Folgen veröffentlichen, wir haben noch so endlos viele Themen: Da gab es wieder einen Lehrpreis zu einer Vorlesung über Integralgleichungen, die nächsten Kollegen haben ein Buch über Maxwell-Gleichungen herausgegeben. Dann hat die Fakultät gerade einen Sonderforschungsbereich erhalten, wo wir noch viel interessantes zur Forschung ansprechen können, und es gab einen Ars-Legendi Preisträger…

Aber am Ende warte ich doch nur darauf, dass mir mal ein jemand sagt, dass er das Studium wegen unseres Podcasts angefangen hat.


#9

Hast du Informationen darüber, ob von den betroffenen Schülern inzwischen einige regelmäßige Podcasthörer geworden sind?


#10

Nein, leider haben wir bisher kein in dieser Richtung aussagekräftiges Feedback. Es mag natürlich daran liegen, dass wir trotz des Rats von @henningkrause noch keine Kommentarspalte pro Folge haben, aber das erklärt natürlich auch nicht, warum wir immernoch keinen einzigen Kommentar auf iTunes haben. :wink:

Was wir haben, sind die Downloadzahlen; und so verrückte Geschichten, dass Kollegen von Forschern anderer Einrichtungen im Zug auf unseren Podcast aufmerksam gemacht werden.

Bezogen auf die Schülerschaft wünsche ich mir aber eher, dass uns ersteinmal mehr Lehrer zuhören, und damit den Matheunterricht mit den verschiedenen Anwendungen spannender und mit realistischeren Bildern der Wissenschaft gestalten können.


#11

Wir haben anekdotische Evidenzen dafür, dass sich junge Menschen in Richtung Naturwissenschaften bei der Studienwahl orientiert haben aufgrund unseres Podcasts. Das weiß ich aus sehr persönlichen E-Mails und auch von persönlichen Gesprächen bei Hörertreffen.

Das habe ich auch immer im Hinterkopf wenn von der Podcast-Nische gesprochen wird. Die Hörerzahlen sind vielleicht nicht hoch, aber wie will man den Wert einer solchen Beziehung zwischen Hörer und Sender quantifizieren? Das ist eine Qualität die ich nie erwartet hätte als ich anfing.

Das gleiche gilt für die Dinge die @Sebastian da macht für die Mathematik! Was für ein Wert für die Absolventen, die zukünftigen Studenten, Betreuer,… Auf so vielen Ebenen wertvoll!


#12

Gerade für ein so unfassbar niederschwelliges Medium können wir schon jetzt mit den Hörerzahlen ausgesprochen zufrieden sein: In welcher Vorlesung hören so viele zu? Und wie oft muss man in den Sprechstunden immer wieder die gleichen Erklärungen bringen, und erreicht dabei viel weniger Leute?

Und es ist ein Trauerspiel, wie wenige in den Vorträgen von monatelang erarbeiteten Abschlussarbeiten anwesend sind- das sieht mit dem Podcast ganz anders aus, und da es nicht mehr um Noten und Zeitbeschränkungen geht, wird das Thema natürlich gleich viel lebendiger.

Und selbst innerhalb von Instituten wissen oft die einen Forscherinnen und Forscher nicht, was sich hinter der nächsten Tür abspielt- Vorträge finden da nur innerhalb der Arbeitsgruppe oder auf spezialisierten Konferenzen statt.

Schaut man mit diesem Blick auf die Hörerzahlen, so zeigt sich der Podcast als ein längst überfälliges Kommunikationsmedium für unsere Wissenschaft.


#13

Studierende und Schüler, die ein Fach nicht mögen, lernen vermutlich lieber mit Youtube. Das ist wegen zusätzlicher Visualisierung effizienter. Für Schüler ist vielleicht auch ein Vertrauensverhältnis zum Erzähler wichtig, was leichter aufzubauen ist, wenn sie ihn auch sehen. Kennt Ihr Wissen2Go? Mit 188.000 Abonnenten einer der erfolgreichsten Youtubedidakten. Dasselbe als Podcast hätte nicht Ansatzweise diese Reichweite. Wer sich hingegen interessiert, sucht nach weiterem Stoff und wird Podcasts mögen, für die ist das eine tolle Sache. Schulen und Hochschulen sind voll von überforderten Schülern und Studierenden, die vermutlich keinen Bock haben, auch noch in ihrer Freizeit Lernstoff zu futtern.

Ich kann mir gut vorstellen, dass die meisten Schüler und Studierenden wenig Lust haben, ihre Dozenten auch noch zu Hause labern zu hören, es sei denn, die verhielten sich methodisch inkorrekt. Anders sähe es aus, wenn andere Schüler und Studierende podcasten würden, ihre persönlichen Studienerfahrungen in Tagebuchformat begleiten. Das würde dann aber wohl wieder eher über Youtubevideos geschehen.

Für den Lehrbetrieb sehe ich eine Mischung aus Texten, Videos und Audiodateien, alles so zusammengewürfelt, dass die gängige Vorstellung vom Podcasten gar nicht mehr greift. Üblicherweise heißt es ja: mache ein Thema, setze eine vorhersagbare Dauer, sende regelmäßig, binde deine Hörer durch Interaktionen, begrüße sie so und so. Wenn man Podcastliebhaber vor Augen hat, trifft das zu, nicht aber für Personen, die hauptsächlich für Prüfungen lernen wollen.


#14

Ich hab aus dem 2. Posting ein Wiki gemacht, sodass Formate ergänzt werden können. Ihr könnte somit gerne die Sammlung zu ergänzen, wäre schön zu sehen, was es da so gibt.


#15

Danke für die ausführliche Antwort. Ich finde es sehr produktiv, sich über Ansätze und Motivationen auszutauschen, gerade wenn man den Podcasts als potentielles Lehr-/Lernanlass im Hinterkopf hat (also losgelöst von den gängigen Communitypraxen).

Meine Erfahrung in Seminaren ist bis jetzt sehr positiv:

  • die Studierenden kennen Podcasts wenig, für sie ist das generell eine Entdeckung
  • die Möglichkeit, dass Lerninhalte z.b. auf der S-Bahn-Fahrt zu Uni gehört werden kann, wurde benannt
  • die Überraschung, dass die Dozentin wie im Radio klingt kam als Feedback, die Lehrinhalte wurden dadurch als hochwertig wahrgenommen.
  • der niedrigschwellige Einstieg ins Seminarthema fand Anklang.

#16

Dass man informell (also ohne bestimmtes Lernziel quasi nebenbei) mit Podcasts lernen kann, ist mir klar, wer tut das hier nicht. Aber ich komm natürlich auch nicht aus meiner Haut raus und gucke, inwiefern man das mit nonformalen oder formalen Rahmungen koppeln kann und freu mich einfach über andere Erfahrungen dazu. Ist ja in dem Bereich (Schule/Uni/Weiterbildung) auch kein ganz neuer Ansatz, aber oft kommen Berichte über die Benennung des Potentials nicht hinaus. Daher sind Beispiele und Erkenntnisse aus der Praxis für mich viel spannender als Diskussionen über Nutzen und Reichweite.


#17

Ja, so gesehen hast du Recht. Als Lehrer würde ich das auch so machen. Ich erhielt mit meinem uralten Podcast Der Sonntagssoziologe (die alten Folgen sind nicht mehr online) Rückmeldungen, dass er von einem Prof für Studierende des Nebenfachs Soziologie verwendet wurde. Außerdem war er Bestandteil einer Lernplattform für die Fremdsprache Deutsch. Spätere Gesprächspodcasts wurden auch hin und wieder von Profs im Seminar eingesetzt. Solche Rückmeldungen gab es immer ausschließlich für Formate, die sich explizit an Anfänger richteten. Auch gab es mal Mails von drei Schülern, die was zur Abivorbereitung nutzten. Anspruchsvollere Gespräche erhielten Feedback, fanden aber keinen Zugang zu irgendwelchen Seminaren. Es gibt wohl einen Bedarf von Lehrenden, den Schülern/Studis das Zeug nochmal vereinfacht in anderer Form darzubieten. Vielleicht könnte man mal eine Seite mit einzelnen Wissenspodcastsfolgen zusammenstellen, auf die Lehrende zurückgreifen können. Vielleicht sogar sortiert nach Lehrplänen. Solch eine Seite ließe sich dann an Schulen etc. bewerben.


#18

Für eine solche Nutzung wäre dann auch eine CC-Lizensierung (wenn vorhanden) ein Bonus, da so klar wird, dass die Podcasts als Open Educational Resource genutzt werden können. Für den Bereich Schule gibt es im ZUM-Wiki eine generelle Sammlung von Unterrichtsmaterial. Eine deutschsprachige OER-Plattform für alle fehlt bisher (das wäre aber auch ein riesiges Projekt). Eine Sammlung von Podcasts nach Fächern/Wissenschaftsgebieten aufgeschlüsselt wäre tatsächlich eher realisierbar. Vll. kann man das ja mal mitbedenken, wenn irgendwo an einer Übersichtsseite für Wissenschafstpodcasts gearbeitet werden sollte (@meszner).


#19

Ich würde auf so einer Seite ja keine Podcasts, sondern einzelne Folgen empfehlen, geprüft von einigen Lehrern auf Lehrplantauglichkeit. Innerhalb ein und desselben Podcasts schwankt die Eignung für den Schulplan mitunter stark und einzelne Folgen entsprächen sicher auch eher dem Suchmodus von Schülerinnen und Schülern.


#20

Ja, also eine Wissenschaftspodcastseite ist in Planung. Ich könnte mir schon vorstellen, dass da auch ein Unterrichts-Feature implementiert wird. Müsste sich nur eine Person finden, die das inhaltlich betreut.


#21

Den Jetzt-Zustand der Anzahl der Erklärvideos auf YT gegenüber Podcast-Angeboten brauchen wir nicht zu diskutieren und können allein daraus das aktuelle Nutzungsverhalten gut erklären.

Jedoch ist es problematisch aus Vermutungen heraus das Potential der Podcasts unbeobachtet zu lassen. Noch obskurer wird das, wenn die Forschung zur Multimedialität in der Wissenschaftskommunikation das Offensichtliche feststellt, dass Videos ohne Ton schnell unverständlich werden, anstatt auch die Wirkung von Ton ohne Video zu untersuchen. Der gefilmte Vortrag wird übrigens auch als Audio-Podcast angeboten- ich zumindest hatte kein Problem dem offensichtlich visuellen Thema rein akustisch zu folgen.

Natürlich ist das Hinzufügen des visuellen Informationskanals grundsätzlich dem Informationstransport zuträglich- die resultierende Effektivität ist aber eine gänzlich andere Frage. Mein rein persönlicher Eindruck ist, dass die Beschränkung auf die Sprache für mich einen erheblichen Vorteil zum Wissenserwerb darstellt, da ich durch die Flexibilität viel mehr Zeit gewinne, und nicht gezwungen bin, zum Großteil unerhebliche Videoinformation unbeweglich am Rechner zu betrachten. Das mag für andere ganz anders aussehen, jedoch besteht definitiv die Möglichkeit, dass die akustische und rezipienten-bestimmte Vermittlung von Inhalten mindestens ebenbürtig sein kann, oder die Lernenden auch neue Lernmuster erproben sollten.

Und damit können wir uns der aus meiner Sicht eigentlich wichtigen Frage widmen, welchen Aufwand die Erstellung der Medien bedeutet- für die Macher und die Beteiligten: Am Ende müssen Aufwendungen an ihrer Effektivität gemessen werden. Im Aufwand bei der Erstellung liegen Größenordnungen zwischen dem Aufwand für “Video und Audio” gegenüber “Audio-only” bei gleichem Qualitätsstandard.

Da kann ich gerne in Kauf nehmen, dass die Audio-Produktionen womöglich (!) nicht bei allen die gleiche Lerneffektivität bewirken, wenn ich dabei- und das ist der springende Punkt- mit den jetzt vorhandenen Workflows mit viel weniger Kosten viel mehr Themen abdecken kann. Oder anders gesagt: Die gewünschte und nützliche Multimedialität wird es weiterhin nicht geben, wenn wir die hohen Anforderungen der Videoproduktion als Maßstab setzen, statt an geeigneter Stelle die Alternativen zu nutzen.

Letztlich ist unser Format nur aufgrund der niedrigen Aufwände möglich: Unsere Gesprächspartner wären bei weitem nicht so schnell bereit diese Gespräche zu führen, wenn sie gefilmt werden würden, und die gleiche Qualität (Licht, Kamera, Schnitt, …) könnten wir alleine überhaupt nicht erreichen. So erhalten wir Medien, die es mit Video überhaupt nicht geben würde.

Ich bin mir natürlich bewusst, dass wir hier über eine große Bandbreite der geplanten Nutzung sprechen: Viele unserer Folgen sind eher Wissenschaftskommunikation als Lehre, aber wir sehen die Nutzung in der Lehre ebenso als ein Ziel. Wir werden aber ganz sicher keine Formate erzeugen, die Schulstunden ersetzen können, es ist aber eine neue Art der Ergänzung, die im Mix die Qualität des Unterrichts verbessern kann. Hier möchte ich wieder auf das Gespräch mit Christian Spannagel verweisen, der diese Erkenntnis und seine Forschung dazu für Video(!)materialien entsprechend beschreibt.

Den Vermutungen möchte ich aber am Ende die anekdotischen Rückmeldungen dieses Wochenendes entgegenstellen:

  • Ein Schüler und ein Vater erzählten mir von Ihrer Entdeckung des spannenden Mediums Podcast zur Information- mein Engagement kannten sie bis dahin nicht.
  • Ein Doktorand in Mathematik fragt per Mail nach dem Kontakt zu einer Folge, da die Inhalte einer Folge ihm für seine Dissertation sehr helfen und er gerne Zugang zur Abschlussarbeit und der Absolventin hätte.
  • Ein angefragtes Gespräch findet insbesondere deshalb statt, weil ein Kommilitone des Gesprächspartners zufälligerweise den anfragenden Podcast hört… =)

Auch wenn ich noch immer darauf warte, dass sich jemand für ein Mathestudium aufgrund unseres Engagements entscheidet (oder wenigstens eine iTunes-Rezension;), so ist das Feedback für sich ausgesprochen motivierend.

Letztlich brauchen wir aber verlässlichere Informationen und Daten, daher begrüße ich es natürlich sehr, wenn wir in Zukunft mehr Studien dazu erstellen und Modelle und den geeigneten medialen Mix für verschiedene Lehrsituationen ausprobieren können.


#22

Zusammen mit einigen Arbeitskollegen wollen wir einen Podcast zum Thema Hochschulwesen starten, welcher sich ans Hochschulmanagement und an Lehrkräfte richtet. Falls jemand von euch Interesse hat, könnte man dort mal eine Diskussionsrunde speziell zum Thema Podcast in der Lehre ansetzen und die Argumente in dem Medium austauschen, das wir alle lieben :wink:


#23

Beim #ganzohr2015 im Oktober in Witten könnte das sicher gern auch ein Thema sein. Habt Ihr/hast Du vielleicht Interesse dort darüber zu reden?


#24

Du meinst ein Slotthema? Dazu müsste schon jemand handfeste Thesen zur Diskussion stellen, oder?


#25

Nicht unbedingt, das ist eher so Barcamp Style. Du könntest auch Diskussionsleiter sein - ohne eigene Thesen. (sag ich jetzt mal als Teilnehmer und nicht Veranstalter)


#26

Klasse, Nicolas, Du hast exakt formuliert, wass ich gerade schreiben wollte. :slight_smile:
Ich musste nur vorher eben noch mit Astro_Samantha die ISS erkunden.


#27

Wenn ich da sein sollte, kann ich das machen. Weiß noch nicht, ich bin schüchtern.