Gibt es ein Podcast "Dark Web"? - oder: Wo sind eigentlich die Nazi-Podcasts da draußen?


#1

Nein, ich bin nicht verrückt geworden :slight_smile:

Ich mache nur die Beobachtung, dass es in unserer Podcast-Szene ein paar auffällige Lücken zu geben scheint.
Und von der Überlegung ausgehend frage ich mich ob es so etwas wie ein “Dark Web” der Podcasts da draußen gibt. Wo veröffentlichen Menschen mit potentiell ausgegrenzten Nischenmeinungen? Wie erreichen die ihr Publikum?

Mein Interesse ist akademischer Natur, ich bin immer noch munter am mappen unseres Lieblingsmediums.
Dabei geht es mir nicht nur um unsere eigene “Blase”. Ich fände es fast noch spannender den Civil Rights Podcast aus Nordkorea, den Feminismuspodcast aus Saudi Arabien oder die Schwulensendung aus Russland zu finden…

Wenn ich davon ausgehe, dass Podcasts Nischen bedienen, für jeden verfügbar sind und grob die Struktur der Gesellschaft abbilden, dann müsste es doch all das irgendwo geben?
//D


#2

Dirk, ich kann Deine Gedanken gut nachvollziehen.

Seit die Funktion in fyyd für neue Feeds offen ist, warte ich auf solchen Mist und mache mir Gedanken, wie damit umzugehen ist. Sicher: Offensichtliche Nazischeiße wandert ohne Umweg nach /dev/null. Aber wo zieht man die Grenze? Was mache ich mit Eso-Quatsch? Homöopathie?.. Die Liste ist beliebig fortsetzbar.

Ich schließe mich Deiner Frage mal an und melde Interesse am weiteren Verlauf und Ergebnis :slight_smile:


#3

Meine Meinung dazu:
Ich sehe Dich in einer Dienstleisterfunktion. Solange Du Dir die Inhalte nicht zueigen machst bist Du meiner Meinung nach eine Bastion für free speech und freie Mediengestaltung. Wir geben ja Straßen und Brücken auch nicht nur für Menschen der richtigen Gesinnung frei.

Das Einzige was ich von Dir erwarten würde wäre ein Offline-Nehmen von rechtswidrigen Inhalten sobald Du davon erfährst, sprich: Sobald sie jemand meldet. Evtl. könnte es sinnvoll sein eine entsprechende Funktion und einen kurzen Hinweis, dass Du Dir keine Inhalte zu Eigen machst, auf der Seite einzubinden.

//D


#4

Ich möchte auch noch hinzufügen, dass es bei meinem Gedankenspiel oben ja irgendwie um den subversiven Medienuntergrund geht :slight_smile: Ich frage mich halt ob der existiert, ob also gewissermaßen ein Equivalent zum Flugblatt oder zu Whistleblowerplattformen auffindbar wäre.

Und manches davon wäre vermutlich auch rechtlich grenzwertig (es muss ja einen Grund geben warum man nicht gleich offen publiziert) und allein schon deswegen vielleicht nicht bei FYYD…

//D


#5

Ich halte das ja für ein grobes Missverständnis dessen, was “das Recht auf freie Meinungsäußerung” eigentlich ist und beinhaltet. Im Grunde geht es dabei einzig darum, dass der Staat die meisten Meinungsäußerungen nicht verhindern darf. Teil dessen ist z.B. eine freie Presse. Dabei gibt es natürlich und sinnvollerweise auch Einschränkungen, wie im Falle von Volksverhetzung und falschen Tatsachenbehauptungen. Nicht Teil dieses Rechts ist es, dass alle Inhalte unwidersprochen und von allen privaten Plattformen gesendet werden müssen.

Als Plattformbetreiber hat man Hausrecht. Facebook und Twitter könnten Nazis rauswerfen, wenn sie denn wollten, die ACLU müsste Nazis nicht unterstützen, wenn sie nicht wollten. Das alles beeinträchtigt deren Recht auf freie Meinungsäußerung in keiner Weise.


#6

Vielleicht ist das ja ein Symptom dafür, dass die Digitalisierung des rechten Meinungssprektrums noch nicht fortgeschritten genug ist.
Oder es wird bei YT ein größeres Publikumspotential gesehen.

Zum Umgang mit diesen Feeds auf Fyyd:
Erst mal hat @eazy Hausrecht. Da es ein privates Projekt ist kannst Du auch die Regel und dargestellten Inhalte festlegen. Ggf. solltest Du es aber öffentlich sichtbar machen, welche Maßstäbe Du ansetzt. Ansonsten bin ich aber auch immer für die Meinungsfreiheit. So lange es nicht gegen Recht und Gesetzt oder klar manipulativ ist, sollte es auch auffindbar sein.


#7

Alles gut und schön. Ich stimme auch zu. Allerdings ging es darum gar nicht.
Meine eigentliche Frage ganz oben war ja ob es einen Podcast Untergrund gibt.

@Eazy hat angefügt, dass er sich eine ethische Frage im Zusammenhang mit fyyd stellt.
Ich halte das Recht auf freie Meinungsäußerung für ein derart hohes Gut, dass ich niemanden einschränken würde, auch nicht wenn ich völlig gegen seine Meinung bin. Die Person hat ein Recht sich zu äußern und macht das ggf. in einem Podcast.

Für @eazy heißt das aber eines von zwei Dingen:

  1. Entweder sieht er seine Plattform als reinen Verteiler und enthält sich einer Meinung rund um die Inhalte.
  2. Oder er fühlt sich dafür verantwortlich, dann muss er aber fairerweise ständig die Inhalte sichten und sortieren (womit automatisch auch die Vermutung aufkommt, dass verfügbare Inhalte mehr oder weniger seiner Meinung entsprechen).

Ich selbst würde ihn von seiner Screeningpflicht “freisprechen” und für 1) plädieren und das war es was ich formuliert hatte.

Kleiner Nachtrag: Er könnte ja auf der Seite einen Hinweis anbringen, dass er sich für 2) entschieden hat und um Mithilfe und Rückmeldung bittet sollte ein Hörer einen Inhalt finden, der in bestimmte inhaltliche Kategorien fällt. Dann ist aber die Frage welche Linien er ziehen will…

//D


#8

Strassennamen werden aber durchaus diskutiert und ggf. auch geändert. Jüngstes Beispiel dazu:


#9

Versteh’ mich jetzt nicht falsch, aber muss man das nicht in einer betont freien Gesellschaft aushalten, egal wie man nun dazu steht. In Berlin halten wir jetzt auch Stadträte (quasi Minister auf Kommunalebene) der AfD aus, weil der Wähler das nunmal so wollte und das ist zu berücksichtigen.

Eugenik ist z.B. offenkundig quatsch und menschenverachtend, aber zu Beginn des 20. Jh war das eine ernsthaft diskutierte Disziplin. Wer weiß was unsere Kinder und Enkel in 100 Jahren über die Ansichten von heute sagen werden. Du merkst also, dass so etwas immer relativ ist.

Und ein pauschales verbieten ist denke ich keine Lösung. Ein unkommentiertes gleichberechtigtes Stehenlassen aber auch nicht. Ich denke ein Flag oder sowas wäre ein geeigneterer Umgang mit solchen Inhalten. Löschen und Verbieten, weil es nicht in Dein / mein / unser Weltbild passt macht dich dann nicht besser als Putin, Erdogan und andere Autokraten.


#10

Oha… @eazy als der Erdogan der Podcastszene? :flushed:
Ich glaube wir sollten den Ball ein wenig flacher halten :wink:

Zunächst mal darf man auf seinem Webprojekt machen was man will. Er verbietet ja im Zweifel nicht den Inhalt sondern listet ihn nur nicht im eigenen Projekt. Ich würde für mich selbst allerdings auch entscheiden den Kram in jedem Fall zu listen und finde den Vorschlag mit dem Flag gar nicht schlecht. Man könnte sogar noch weiter gehen und Filterblasen-Crossing betreiben indem man gleich einen Podcast mit der Gegenmeinung daneben bewirbt…

//D


#11

Ja, das wird etwas Off-Topic, da hast du recht.

Zumindest für die USA lässt sich diese Frage allerdings klar mit “ja” beantworten. Richard Spencer (Namensgeber der Neonazi-Bewegung “Alt Right”, amtierendes Backpfeifengesicht 2017) betreibt einen Podcast, Alex Jones (“Lügenpresse”-Schreier aus Tradition) betreibt eine gut laufende Webradio- und Podcast-Show. Das sind die beiden, die mir jetzt spontan einfallen. Die laufen aber eher nicht im “Untergrund”, sondern haben eine recht große Verbreitung.

Ich finde, damit machst du es dir zu leicht. Nichts, das Menschen anpacken, kann neutral sein. Keine technische Platform, kein Algorithmus, keine Community besteht jemals ohne Bias und ohne Bezug zu ihren Inhalten. Ich schätze da müsstest du dich eigentlich besser auskennen, als ich, der nur ein paar Artikel zu technischem Bias gelesen hat. iTunes befördert beispielsweise ein bestimmtes Weltbild, allein dadurch, dass vermeintlich anstößige Begriffe in Sendungstiteln, etc. dort zensiert werden. Stichwort: Diskurs

fyyd ist kein staatliches Organ und unterliegt somit ganz anderen Gesetzmäßigkeiten, als ein demokratisch konstituierter Rat.

Das ist gefährlicher Relativismus. Antidemokraten bauen auf genau solche Argumentationen. In der letzten Folge von “Last Week Tonight” hat John Oliver diese Taktik gut erläutert: “Everyone and everything is shit, so don’t even try to pursue a better world.” Putin nutzt den Scheiß, den Trump gerade verzapft genau so.

Eine Meldefunktion und eventuelle Bans sind kein Verbot. Den Podcast gibt es weiterhin, er ist eben nur über diese eine Plattform nicht mehr zu finden. @eazy könnte diese Angebote ja nichtmal löschen, wenn er wollte.

Bestimmte Meinungen muss eine Demokratie nicht aushalten. Wer gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit propagiert und antidemokratisch auftritt, muss sich nicht wundern, wenn private Dienste ihre Unterstützung einstellen.


#12

Fände ich einen guten Umgang mit der Sache.

Stimmt. Aber als Aggregator muss man seiner Rolle gerecht werden. Die Tagesschau ist auch kein Staatliches Medium und berichtet dennoch auch über AfD und ähnliche.

Naja, eigentlich schon, da ja jede Stimme und jede Meinung gleich viel wert ist und wir haben sogar ein Wort dafür: Minderheitenschutz. Der ist nicht an Bedingungen geknüpft. Wenn wir ein diskriminierungsfreies Netz wollen, dann aber auch in alle Richtungen. Man kann nicht ein und den selben Grund nur für eine unliebsame Gruppe nutzen.
Und nebenbei ist die Demokratie die Staatsform, die sich auch selbst abschaffen kann.
Demokratietheoretisch erläutert Thomas Brandt in WRINT:
http://www.wrint.de/2016/11/25/3539/
http://www.wrint.de/2016/03/15/wr522-landtagswahlen-maerz-2016/

Schwierige ethische Frage mit der @eazy da zu kämpfen hat, aber es gibt ja Vorbilder, wie das [quote=“dirkprimbs, post:1, topic:4923”]
Dark Web
[/quote]

:wink:


#13

Eigentlich klingt das nach einem Thema, das mal eine Diskussionsrunde in einer Subscribe oder in einer Sendung wie dem Sendegarten verdient…


#14


#15

Naja, eskaliert ist es nicht. Aber Du hast da ungewollt eine interessante Elfenbeinturmdiskussion angestoßen. :smiley:


#16

Okay, ich rufe gleich mal bei Mother Jones an und sage denen, die müssten auch ein Profile Piece über mich veröffentlichen, weil sie ja auch eins über Richard Spencer gebracht haben.

Du vermischst in deiner Argumentation leider immer noch die Pflichten des Staates mit den Freiheiten seiner Bürger. Mark Zuckerberg, Jack von Twitter, @eazy, du und ich, wir müssen in diesem Falle eben gar nichts. Wir mögen je nach Position und Privilegiertheit eine moralische Verantwortung haben, aber wir müssen deshalb immer noch nicht Nazis eine Plattform bieten, auf der sie sich nach Belieben austoben können. Das zu tun, kann ein politisches Statement sein.

Minderheitenschutz für Leute einzufordern, die Attentate auf Minderheiten planen und durchführen (z.B. Oscar Ortega, der 2011 inspiriert von Alex Jones Obama töten wollte, Anders Breivik, der sich in seinem Bekennerschreiben auf Richard Spencer beruft oder die zahlreichen gewaltsamen Übergriffe, die quasi täglich auf Schwarze, Hispanics, Angehörige der LGBTQ±Community und andere Minderheiten stattfinden und von Arschlöchern wie Spencer, Jones, Trump u.v.a. angestachelt werden), ist doch offensichtlich einfach zu kurz gedacht. Indem Privatleute diesen Hetzern eine Plattform bieten, befördern sie Leid. Vom hohen Ross mag die Argumentation wasserdicht aussehen, aber nur solange man eben nicht selbst betroffen ist und sich die Finger tief genug in die Ohren steckt, um möglichst wenig von den realen Konsequenzen mitzubekommen.


#17

Alles ok. Hilft nur nicht wenn Du versuchst eine Linie zu ziehen.
Nicht alles was Deinen Überzeugungen widerspricht ist auch gleich automatisch der Aufruf zu Gewalttaten.
Wenn Eazy alles aus FYYD rauswirft, das er selbst nicht für gut befindet, dann sind wir bei der Hörsuppe angekommen…

Letztlich hat er aber eine Suchmaschine gebaut mit der man Inhalte finden kann und die Motivation mit der gesucht wird mag variieren. Um ein Beispiel zu geben: Ich habe vor Kurzem auf FYYD für ein Seitenprojekt nach Esoterik Kram gesucht. Würde @eazy seinen eigenen Überzeugungen folgen, wäre vermutlich kein Homöopathie und Esomist gelistet und damit wird FYYD für mich weniger nützlich.

Für politische oder ideologische Themen lassen sich ähnliche Argumente machen.
Deswegen würde ich an seiner Stelle versuchen lieber zu liberal als zu restriktiv zu sein. Das heißt nicht, das alles gelistet sein muss aber es sollte doch der Regelfall sein. Andernfalls ist es eben keine Suchmaschine sondern eine Kuration.

Und dann lege ich noch meine ganz persönliche Meinung drauf: Wenn man einen quasi-öffentlichen Raum schafft, dann wäre es schon schön wenn man die Pluralität auch lebt die wir ganz allgemein in unserer Gesellschaft verankert sehen wollen. Da gehört dann eigentlich alles rein was nicht rechtswidrig ist. Muss ja nicht unkommentiert sein, aber gerade weil es auch legitime Gründe gibt solche Inhalte zu suchen und weil die Inhalte ja nicht die eigene Meinung widerspiegeln würde zumindest ich nichts rausfiltern sondern es bei Flags oder alternativen Infoangeboten belassen. But that’s me.

//D


#18

Das finde ich sehr schlüssig und habe ich zuvor nicht bedacht.

Naja… streng genommen sind Suchmaschinen eben auch nicht einfach neutral. Die Reihenfolge der Ergebnisse, der Versuch vor allem relevante Suchergebnisse auszugeben, erzeugt automatisch auch eine Art automatisierter Kuration. Bias, den die Maschinen von uns Menschen lernen. Bei fyyd ist das noch halb so wild, weil (anders als z.B. bei Google) wohl kein super komplizierter, mega-geheimer Wunderalgorithmus dahintersteckt, aber wie gesagt: Nichts, das Menschen anpacken kann wirklich neutral sein.

Das stimmt. Das ist keine leichte Aufgabe und ich bin froh, dass ich sie nicht erledigen muss.


#19

Das ist für mich wirklich alles, aber kein Elfenbeinturm. Ende der 80er, Anfang der 90er war Koblenz, das kleine Dorf aus dem ich komme, eine kleine Nazi-Hochburg im Norden von Rheinland-Pfalz.

Ich habe mehr als eine sehr unangenehme Begegnung mit diesem Pack gehabt und kenne deren handfesten Argumente. Dazu brauchte es “damals” keine dunklen Ecken oder Unterführungen, die haben auch ungeniert im Bus oder auf offener Straße zugelangt.

Das ist sicher keine Erfahrung a la “ich habe die Nazis in den 30ern erlebt”. Aber ich habe sie in den 90ern erlebt. So richtig kapiert hat auch der unbeteiligte Rest das alles erst, als auf dem Zentralplatz in Koblenz ein Nazi in die Menge schoss und dabei mehrere Menschen verletzte und einen ermordete.

Mit Nazis diskutiere ich nicht. Und Nazis gebe ich keine Plattform. Ich weiß aber auch, dass nicht alles was mir nicht passt und rechts ist “Nazi-Scheiße” ist. Ich erkenne an, dass es schwierig ist, die Grenze, die Linie zu ziehen. Sind die Aussagen eines Horst Seehofers nicht auch irgendwie eine Spur zu weit rechts? Forciert auch das nicht vielleicht rechtes Gedankengut oder macht es wenigstens salonfähig? Ist Homöopathie denn nur harmlose Spinnerei oder unterstütze ich damit letztlich etwas, das mutmaßlich kleine Kinder tötet? Was mache ich mit diesem Mist?: https://fyyd.de/podcast/25398/lichtnahrung/0

Ich kann keine klare Grenze ziehen, die jeder Diskussion und allen ethischen Regeln standhält. Und so lange das so ist, ziehe ich die Grenze, wo ich sie für richtig halte und entziehe mich der Diskussion darum mit der Aussage, dass das mein Haus ist und ich jedem die Tür zeigen kann und werde, wenn ich das für richtig halte.

Ich kann die Diskussion sowieso nur verlieren, denn recht machen kann ich es nicht allen und jeder sieht’s anders. In sofern wiederum: Mach ich’s, wie ich es für richtig halte.

Wer mich ein wenig kennt, weiß dass ich nicht dazu neige, andere Meinungen (und ich rede von Meinungen, nicht von kruden Ideologien und fundamentalistischem Blödsinn) in Grund und Boden zu schweigen. An der Stelle müsst Ihr mir im Zweifel einfach vertrauen. Und helfe, denn ich bin da immer in einer passiven Situation, die nur reagieren, aber nicht agieren und ändern kann.


#20

'nuff said
<= und eine Einstellung mit der ich super leben kann.