Statement oder Gespräch


#1

Ich hätte da eine grundsätzliche Beobachtung: Wenn ich einen Gesprächspodcast aufnehme, dann werden meist Statements erzählt. Ganz selten eine Frage zurück. Noch seltener entwickelt sich ein Gespräch. Ausnahme: Menschen, die Podcasthörer/innen sind, und die an einem Podcastgespräch teilnehmen, reden ziemlich schnell mit(einander). Das finde ich dann schön.

Aber auch die anderen sind nicht verloren: Nach etwa 10 Folgen mit den selben Leuten hat sich eine Gesprächskultur entwickelt, sie beginnen wirklich miteinander zu reden.

Was mich hierbei insgesamt wundert, ist, wie stark bekannte mediale Diksussionsformate hier die Eingeladenen offenbar formen. Denn wäre nicht das Gespräch die ursprünglichere Kommunikationsform und sollte daher bekannter sein? Und lernen wir in der Schule miteinander zu reden? Wir lernten im besten Fall zu diskutieren, Standpunkte zu formulieren.

Aber miteinander zu reden, ein Gespräch zu führen, das wäre doch mehr. Beispiele für mich sind der Lila Podcast und Picknick am Wegesrand, wo die Beteiligten so richtig schöne Gespräche führen. Es gibt sicher noch weitere Beispiele, aber diese zwei fallen mir gerade ein.

Wie seht ihr das. Ist ein Gespräch mehr als eine Diskussion?


#2

Eine Diskussion ist eine Kontroverse, das muss ein Gespräch nicht sein. Deshalb würde ich nicht sagen, ein Gespräch sei mehr. Wenn Gespräche schön sind, gibt es meist keine grundsätzlichen Meinungsunterschiede, sondern es schwingt die Harmonie. Eine harmonische Diskussion wäre aber keine. Da Menschen eher mit gegensätzlichen Standpunkten Probleme haben als mit Gesprächen, sehe ich das in der Schule schon sinnvoll einzuüben. Gespräche werden ja nicht verlernt, in der Schule, mit Freunden, in der Familie finden sie nach wie vor statt, nur eben nicht so sehr in der medialen Öffentlichkeit. Wieso sollten sie auch? Die Gesprächsform, von der du hier zu sprechen scheinst, ist eine, die aus der Vertrautheit entsteht. Intimität und Öffentlichkeit stehen aber im generellen Spannungsverhältnis. Man muss schon eine private Atmosphäre am Mikro schaffen, damit Gäste vergessen, dass sie gerade in der Öffentlichkeit stehen, man muss sie also auf emotionaler Ebene über die Realität hinwegtäuschen.

Das Statementproblem wird man bei fremden, nichtpodcastenden Gästen meiner Meinung nach nicht los. Man fragt sie an, ob sie in der Öffentlichkeit über ein Thema reden wollen, da existiert erstmal keine Vertrautheit.


#3

Interessante Überlegung. Ich habe mich gefragt ob das nicht evtl. was mit einer Hierarchie zu tun hat. In den meisten Podcasts gibt es einen Host und einen Gast. Damit verlässt sich der Gast darauf vom Host durch die Sendung geführt zu werden. So ergibt sich praktisch automatisch eine Situation in der einer fragt und der andere antwortet.

In den Gesprächssituationen, die Du beschreibst ist das meist anders. Entweder kennen sich die Teilnehmer schon länger oder sind sowieso co-Hosts. Vielleicht macht auch die Erfahrung einen Unterschied. Jedenfalls gibt es dann keine genaue Unterscheidung und beide werden abwechselnd zu Fragenden und Antwortenden.

Macht das so Sinn?
//D


#4

Mhm. Es ist aber doch gerade so, dass bei Diskussionen (Fernsehen, Podiumsdiskussionen) jene Gäste gern gesehen werden, die Gesprächselemente einfließen lassen können. Das muss man erst lernen. Das sind Gersprächselemente, die hier zur Diskussion hinzukommen. Dazu muss man Hierarchien übertreten bzw. ignorieren (@dirkprimbs) bzw. in der Lage sein, Vertrautheit herzustellen (@Sonntagssoziologe), auch wenn vom Setting her (Diskussion) keine beabsichtigt ist.

Jemand der also auch mal eine gesprächsartige Frage in eine Diskussion einbringt, obwohl er gefragt wurde, verändert die Diskussion. Andere halten sich an die ungeschriebene Statementregel halten - und die würde ich gerne ein bisschen anzweifeln.


#5

Es kommt darauf an, was das Ziel des Podcasts ist oder sein soll. Zumindest einer der “Gesprächs”-Teilnehmerinnen geht mit einer Agenda hinein – etwas von seinem Gast zu erfahren z.B. Inwieweit er oder sie diesen Pfad verlassen möchte, um das Endergebnis nicht zu gefährden, ist dann subjektiv zu beurteilen. Es kann sich auch ein ganz anderer, nicht minder spannender Weg, auftun, aber je nach Format passt es dann auch wieder nicht.


#6

Was man am Ende will, ist wohl Geschmacksache. Am einen Ende das Gespräch, am anderen wohl das Interview.
Wie @dirkprimbs angesprochen hat, könnte eine Hierarchie hier bestimmend sein.
Wie wird das Interview nun zum Gespräch? Leider hat auch Watzlawick nicht verraten, wie man aus der komplementären Kommunikation leicht eine symmetrische macht. Dazu müsste die Beziehung am Ende irgendwie auf Gleichheit basieren.
Ich persönlich versuche das so: Die Gäste werden möglichst stark in die Sendungsgestaltung miteinbezogen. Der Gast wird auf die Ebene des Hosts gehieft. Das klappt halt nur unterschiedlich gut. Manchen Gästen liegt das Interview schlicht besser.