Let's talk about kurze Podcasts

Aber vielleicht ist genau das die Stärke. Wenn ich ein Buch habe, käme niemand auf die Idee, auf der Basis des Buchinhalts den Status als Buch abzusprechen. Bleibt man beim Podcast als Verbreitungsweg kann man sich auch die Diskussion darüber sparen, ob irgendein Inhalt, der diesen Verbreitungsweg nutzt, auch ein Podcast ist. Definiert man den Podcast dagegen über den Inhalt wie Roman, Kurzroman, Heftroman, Kurzgeschichtensammlung, Gedichtband, Novelle etc. dann wird man sich unweigerlich darüber streiten, ob Werke, die nicht dem Gewohnten entsprechen, sich so nennen dürfen.

Weiterer netter Nebeneffekt der technischen Definition: Es schärft das Verständnis für den gleichen Inhalt in anderen Verbreitungsformen wie plattformgebundenes streaming.

Das führt jetzt endgültig vom Thema des Threads weg, aber das führt natürlich zu dem etwas merkwürdigen Schluss, dass ein und der selbe Audioinhalt in einem RSS-Feed ein “Podcast”, aber bei Spotify was anderes. Danach wäre ein über Amazon verkauftes Kindle-eBook kein “Buch”, auch wenn die Worte die selben sind wie auf Papier.

Ich interessiere mich gerade in diesem Thread für Gedanken zu inhaltlichen Formaten, Ideen und Konzepten und eben nicht über technische Richtwerte wie Dateigröße, -format oder das Protokoll über das eben dieser Inhalt bereitgestellt wird. Das hat für diese Diskussion meines Erachtens nicht wirklich viel Relevanz.

Naja, Du steigst aber mit der These ein die Studie sage tatsächlich wie behauptet aus, Menschen bevorzugten kurze Podcasts. Das wirft eben auch die Frage auf was die Befragten denn glaubten, dass ein Podcast sei… Je nach Medium ist dann eben u.U. auch die Verbreitungsmechanik Teil der Definition.

Eine Radiosendung ist eben erst dann eine Radiosendung wenn sie “gesendet” wird. Ein Podcast hat eben auch einige Definitionsnotwendigkeiten um ihn ggf. von Audiobooks, Radio, Funknachrichten etc. abzugrenzen. Manche sagen abonnierbar und seriell reicht, andere wollen noch eine unabhängige Produktionsphilosophie, wieder andere verlangen nach der freien Wahl der Konsum- und Verteilungsmechanik. Das Problem nun (und der Grund warum das auch hier immer wieder die Diskussion durchdringt): Ohne sich auf ein paar Parameter zu einigen kann man die Bitkom Studie eben gar nicht interpretieren sondern nur rumvermuten. Hatten die Antwortenden eigentlich Radiosendungen im Sinn? Hätten sie auch nach kurzen Inhalten gerufen wenn man sie irgendwann vorher auf Hörbücher angesprochen hätte? Sind es Vielhörer, Wenighörer? All das spielt eine Rolle…

Ansonsten stimme ich Dir im Übrigen zu: Es lohnt sich mal über die Länge nachzudenken. Ich persönlich vertrete die unpopuläre Ansicht, dass die meisten langen Podcasts eigentlich nur so lang sind weil Freiheit im Format mit Freiheit sich nicht vorbereiten zu müssen verwechselt wird. Die Länge von Podcasts sollte aber in erster Linie vom Thema, dem Format und dem Publikum definiert werden. Da lohnt es sich eben darüber nachzudenken. Das tägliche Wort wäre schon mit einer Minute Länge zu lang. Der Podcast “Hardcore History” von Dan Carlin hat Episoden mit 6 Stunden Länge und weil jede Folge eine Art Hörbuch in Podcastform ist würde niemand verlangen, das auch nur um eine Minute zu kürzen.

Jedes Format - davon bin ich überzeugt - hat einen Bereich, der eine Art Sweetspot darstellt. Eine tägliche Nachrichtensendung hat den bei 10-20 Minuten, ein Interviewformat bei 30-45, eine Gesprächsrunde bei 1-3h, ein monologisches Kommentarformat vielleicht bei 5 Minuten.

Hinzu kommt, dass jede® Bitkom-Befragte vermutlich dem eigenen Lieblingsthema gerne mehr Zeit geben würde. Nachrichten oder auch Interviews mit Sportlern oder Medienmenschen oder Hintergrundreportagen sind selten so speziell, dass sie das eigene Lieblingsfeld betreffen. Aber wenn ich FPV Dronen-Fan bin und ein Podcast einmal im Monat 3h mit Stars der Szene in lockerer Gesprächsrunde zusammenbringt, dann mache ich dafür evtl. Zeit während ich für alles andere vielleicht lieber nur Minuten statt Stunden einplane…

So… das war jetzt ein sehr langes “es kommt verdammt noch mal darauf an!”. Die Studie ist genau gar nichts wert wenn man sich nämlich letztendlich eines vor Augen führt: Der Podcast “sucht” sich auch das eigene Publikum. Hörer der Formate von Marcus Richter (https://richter.fm) haben z.B. kein Problem mit Sendungen in genau einer Stunde Länge :wink: und ich nehme an es gibt genug Fans… Es geht eben nicht darum den massentauglichen Durchschnittsgeschmack zu verstehen. Podcasts wollen und sollen spezielle Vorlieben bedienen, ja es ist sogar ihre Stärke, dass sie das können. Und wenn “nur” 1000 Leute in Deutschland einen Faible für 5 Stunden über Mineralogie haben, dann ist das ein tausendmal erfolgreicherer Podcast als die seelenlose 15 Minuten Politkommentarschow von der es dieser Tage pro Zeitschriftenverlag mindestens 2 zu geben scheint…

//D

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Naja es ist ja ein elektronisches Buch in Abgrenzung zu einem gedruckten Buch. An der Stelle hat man nämlich keine klare Trennung gemacht, sondern hat einen ganz anderen Verbreitungsweg unter der Oberkategorie “Buch” belassen. Es spricht aber keiner von Kassette, wenn ein altes Hörspiel mittlerweile auf CD vorhanden ist.

Interessant ist auch beim ebook, was sich am Ende als das Buch an sich durchsetzen wird: Das Druckwerk oder der DRM-versiegelte Dateikontainer. Genauso könnte der Podcast verstanden als streaming irgendwann dominant sein. Aber gut die Begriffe werden sowieso meistens von Bedürfnissen des marketing geformt. So erklärt sich zum Beispiel das audiobook.

Wir haben für unseren Oma-Podcast das Format Anfang des Jahres umgestellt: Von einmal im Monat (eine Stunde) auf jede Woche zwei Episoden (drei bis zehn Minuten). Die Menge an Content ist also in etwa die gleiche, aber wir bringen sie anders unters Volk.

Unsere Motivation:

  • Wir haben regelmäßig Aufnahmetermine verschoben, was die lange Wartezeit zwischen zwei Episoden noch länger machte.
  • Wir waren zunehmend unzufrieden, die ohnehin kleinen Häppchen über einen künstlichen roten Faden in ein einstündiges Format zu pressen.
  • Wir haben gehofft, Hörer zu gewinnen, die einem (zusätzlichen) Podcast-Abo von wenigen Minuten positiv aufgeschlossen sind, aber nicht noch einen Einstünder abonnieren würden.
  • Denn auch das Fußball-Podcast-Angebot wird immer dichter; wenn wir es über den Inhalt nicht schaffen sollten (zugegeben, eine abwegige Vorstellung), haben wir als Kurzpodcast ein weiteres Alleinstellungsmerkmal.
  • Mehr Episoden bedeuten mehr Kommunikationsanlässe per Instagram und Twitter.

Mit den “Ergebnissen”:

  • Für uns hat sich die Umstellung gelohnt: Wir nehmen mehrere Episoden an einem Abend auf und haben dadurch Planungssicherheit; und wenn doch mal eine Episode ausfällt, ist die Wartezeit bis zur nächsten kurz. (Oder wir schieben einen WhatsApp-Dialog als Ersatz ein, der schnell zwischendurch produziert werden kann.)
  • Spannend war, dass wir kurz nach der Umstellung von Stammhörern zum Teil richtig lange Stellungnahmen bekamen, dass ihnen dieser Wechsel so gar nicht gefiele. Soweit wir es wissen, haben wir sie aber nicht als Hörer verloren – im Gegenteil: Zumindest einer ist vom Konzept inzwischen begeistert.
  • An den Hörerzahlen (kleiner dreistelliger Bereich) hat sich hingegen nichts verändert; wir sind aber auch nicht konsequent genug, für jede Episode etwas in Twitter oder WhatsApp zu bauen.
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Ich halts ganz simpel: Ein Podcast dauert solang wie er dauert.
Wenn alles erzählt ist, was gerade dazu gehört, Klappe zu.
Wenn man denkt, es wird zu lang, aber man hat noch weitere Themen: Teil 2 und folgende

Und wenn nach 2 Minuten alles gesagt ist, dann ist dem so.

Da ist der Anerzaehlt echt eingroßartiges Beispiel für. Manche Episoden gehen kaum 2 Minuten, andere dafür gleich 10+, je nachdem was das Thema hergibt.
Und in seltenen Fällen sogar 30+.

Am Ende ist nicht die Länge ausschlaggebend, sondern eher, ob man den Bogen bekommen hat. Die Leute folgen einem auch länger durch ein Thema. Solang man nicht Kniffligkeiten im Thema mit sinnfreien FüllWorten/Sätzen füllt und dadurch Langatmigkeit reinbringt, denn dann merkt man erst, wie lang der Podcast ist.

Ich pflichte da auch @vanilla_chief bei, dass Vorbereitung dabei hilft einen guten langen Podcast zu machen. Keine Vorbereitung(aka keine Ahnung, was man überhaupt sagen will) ist der Garant für Langeweile und als zu lang empfundene Podcasts, selbst wenn diese nur 10 Minuten sein sollten.

Ich halte daher von solchen quantitativen Längenangaben nichts, weil es den Inhalt vollkommen außer Acht lässt. Und gute Inhalte sind die Stärke guter Podcasts.
Eine gute Studie muss den Inhalt von Podcasts irgendwie™ berücksichtigen.

Man bewertet auch Äpfel nicht nach Anzahl und Größe, sondern nach Geschmack(aka Inhalt).

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Ich muss hier jetzt auch noch mal meine Gedanken zu dieser Diskussion zusammen schreiben. Ich bin ein großer Fan von informativen Gesprächspodcasts wie wrint, Raumzeit und vergleichbare. Besonders treffen diese auch von der Länge her voll einen persönlichen Sweetspot, den ich meine zwischen 30 und 90 Minuten entdeckt zu haben.
Aber ich mag auch immer wieder so lange “Laber”-Formate wie die Freakshow oder CleanElectric.

Vorgeschriebene - vorformulierte Formate wie Sternengeschichten oder viele Radio-Produktionen haben oft so dichten Inhalt, dass mehr als deren 7- 15 Minuten jegliche Aufnahmefähigkeit sprengen würden.

just my 5 Cents

viele Grüße

TJ

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Deckt sich genau mit meiner Erwartung: Man fängt meistens erstmal länger an (oder “normal” lang) und erst, wenn man sein Format bewusster angeht, entdeckt man die Reduktion der Folgenlänge als Variable in Gestaltung und Produktion.

Eine Ausnahme ist vermutlich der Solo-Podcast. Viele Stunde ohne große Pausen zu reden, ist sowieso anstrengend und solche Projekte sind oft auch von Anfang an durchdachter, weil man nicht einfach so ins Blaue hineinreden möchte. Die würde ich unter den kürzeren Podcasts am häufigsten erwarten.

Kennt jemand ein Beispiel für einen dreistündigen Podcast, wo eine einzelne Person spricht?

Bei dem Stichwort habe ich selbst nochmal geguckt und mir ist da auch noch etwas Interessantes aufgefallen. Das ganze Intro- und Outromaterial hat einen viel höheren Anteil und sticht in einem kurzen Podcast für mein Empfinden stark heraus und das folgende Beispiel hat noch nichtmal Fremdwerbung.

Beispiel: Half Assed Haiku, Folge 27. Auf 206s entfallen in etwa:

  • 0-22 - Eigenwerbung für einen anderen Podcast
  • 23-41 - Intro
  • 42-45 - credits
  • 46-174 - Haiku-Lesung (also ca. 2m)
  • 175-184 - post credits
  • 185-206 - Werbung für Patreon-Kampagne, Internetseite, Kommunikationskanäle

Bestes Haiku ist meines Erachtens übrigens:

Wobei das aus dem Intro auch gut ist.

Wie wäre es noch mit einer Hörspielfassung? Du könntest die “Geschichte” mit verteilten Rollen lesen lassen…

@friiyo macht das Talk Radio genau so. Vielleicht nicht Drei Stunden aber deutlich länger als 10 Minuten.
In den USA ist dieses Format des Talk Radios ganz allgemein verbreiteter. Da kommt das öfter vor.

Der längste monologische Podcast den ich kenne ist Dan Carolina Hardcore History. 6h und keine Minute zu lang.

Freilich könnte man auch eigentlich sagen dass das eine Art Serienhörbuch ist.

Bis zu einer Stunde fände ich auch nicht ungewöhnlich für ein Soloformat.

Gehört das in die Gruppe der Solo-Podcasts? So wie ich US-Talk Radio kenne, sind die Podcasts da meistens ein weiterer Ausspielweg einer tatsächlichen Radiosendung. Man hat Anrufer und oft gibt es einige Leute im Raum, die die Technik fahren und mit denen der host spricht.

Nein, es gibt auch lange Monologe, auch als Podcast. Beispiel: thinking atheist.
Und für die Format Diskussion spielt es auch genau gar keine Rolle ob es eine Zweitausspielung ist.

Ich habe in eine Folge auf Youtube reingehört und zumindestens in dieser hat er Anrufer. :wink:

Wollte ich nicht sagen, sondern dass ich Talk Radio mit aufwendigerer Studiosituation und damit nicht als wirkliches Ein-Personen-Format kenne. Tatsächlich würde ich aber widersprechen. Wenn der Podcast nur eine nachgeordnete Ausspielung ist, dann diskutieren wir das Format der Sendung mit Bezug auf den Erstausspielungsweg.

Übrigens bei der Sendung “Talk Radio” wird viel mit Einspielern gearbeitet. Das hilft natürlich auch dabei die Solosituation zu strecken, weil man zum Beispiel nicht die einzige Stimme im Podcast ist. Aber meine Vorhersage war ja nicht, dass es keine Solo-Podcasts mit langen Folgen gibt, sondern dass sich unter den kürzeren Podcasts mehr von einzelnen Personen finden lassen und andererseits sowas wie drei Stunden Länge ziemlich selten sein sollte.

Schließlich, um das noch reinzuwerfen, eine einzelne Person, die auf einen Chat reagiert, würde ich auch nicht wirklich als Solo-Podcast ansehen. Es entstehen ja auch viele als Aufzeichnungen von livestreams.

Mag sein, dass das inzwischen so ist. Ich habe ihn irgendwann nicht mehr gehört weil mir die Monologe zu lang wurden.

Die Frage war ja “gibt’s das?” Und die Antwort ist “ja”. Deutsches Beispiel: der Einschlafen Podcast von @Toby. Ist auch bis zu 1,5h Monolog und viele sind durchaus bis zum Ende wach.

Ich dachte allerdings tatsächlich an eine Länge wie drei Stunden, weil das kann man mit einem Gesprächspodcast von ein paar Leuten schon mal aus Versehen erreichen, erscheint mir aber für eine Einzelperson ziemlich viel Zeit, um eine Folge zu füllen. Hast du mit dem Verweis auf Hardcore History aber auch schon beantwortet.

Dan Carlin’s Hardcore History. Das sind aber keine 3 Stunden sondern eher 5.

Edit: Hat Dirk ja schon erwähnt :wink:

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Ich kann http://www.nussschale-podcast.de/ empfehlen, in dem @DasTeutelbier sich verschiedenen Themen annimmt und sie in einer Nussschale erklärt. Der Podcast erscheint wöchentlich.

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In der siebten Folge von Audio:viel haben wir die Bitkom-Studie nun besprochen (ab 01:50:00). Ein paar wenige Infos, die nicht in der Pressemitteilung stehen, konnte ich noch erfragen. Wir versuchen uns an einer kritischen Einordnung, kommen aber zum gleichen Schluss wie die meisten hier: ist ganz interessant, sollte aber keinen Einfluss auf die Gestaltung eines Podcasts haben.

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Danke. Da hast du ja noch einige interessante Informationen bekommen. Man müsste natürlich viel tiefer Einblick in die Studiendurchführung nehmen. Was mir zum Beispiel direkt an der Pressemeldung aufgefallen war, am Anfang werden Podcasts als “digitale Radioshows” bezeichnet. Da hatte ich mich schon gefragt, ob die Studie so ein framing den Probanden gegenüber kommuniziert hat.

Die Frage zum Schluss, ob man das als Orientierung beim Schaffen von Podcasts verwenden sollte, kann man aber glaube ich klar beantworten: Sicherlich nicht. Das ist höchstens ein Ansatzpunkt, wo man erstmal weitere Marktforschung betreiben muss, um das Phänomen besser zu verstehen. Nimmt man zum Beispiel nochmal die Vermutung, die Präferenz für kürzere Podcasts geht vorallem auf Formate aus der Radiozweitverwertung zurück, dann kann es gut sein, dass es auch die Marke dahinter braucht. Vereinfacht gesagt, einen kurzen Podcast zu machen, würde dann nicht viel bringen, weil die entsprechende Hörergruppe nicht einfach kurze Podcasts möchte, sondern kurze Podcasts von ihren favorisierten Radiosendern.

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Ganz vergessen, dass ich das vor anderthalb Monaten in Neuigkeiten aus der nicht-deutschsprachigen Podcastwelt gepostet hatte.