Effektkette für Sprechstimme

Seit Ultraschall 5 haben wir die von @rstockm sehr schön konfigurierte Channelstrip-Effektkette mit hauseigenen Reaper-Effekten haben (den sog. AMP-Workflow).

Für alle, die wissen wollen, wie diese ganzen Effekte funktionieren bzw. was da so in Reihe geschaltet wird (und warum!) hier ein Link zu einem YouTube-Video des Tontechnikers und Musikers Dan Worrall:

Ich kann Dan Worralls YouTube-Videos stundenlang anschauen, weil es da einfach so viel Gutes zu lernen gibt. Gekoppelt mit seinem britischen, leicht bitteren Humor ist das wirklich ein Grund, YouTube durchaus mal wieder wertzuschätzen. Auch viele andere seiner Videos kann ich empfehlen, insbesondere die „Whats Wrong With Stock Plugins“-Playlist, in der er u. a. unterschiedliche Reaper-Hauseffekte gegen andere vergleichbare Plugins antreten lässt und ausmisst. Hintergrundwissen ftw!

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Ja, schönes Video. Ich bin aber gar nicht so ein großer Fan von seinem finalen Sound - etwas harsch, zuviel Topshelf. Dieses „seidige Höhen“ haben wollen ist immer so verlockend, strengt aber häufig nach ein paar Minuten/Stunden dann doch etwas an.

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Ich muss gestehen, dass ich mir und meiner Stimme standardmäßig auch meistens ein Highshelf ab 1 - 2 kHz um +3 dB verpasse, da meine Stimme eher mupfig ist. Vermutlich hat das auch immer mit dem Verhältnis von Sprecher und gewähltem Mikrofon zu tun. Für die nächste Aufnahme werde ich mal probieren die unteren Mitten ein wenig runterzuziehen, allerdings erstmal mit dem Highshelf zusammen …

Hi, Kiezbiografien

1-2 kHz ist aber noch kein Highshelf. Das sind Mitten.
Der Bereich der oberen Mitten, also zwischen (wirklich ganz ganz grob) 2 kHz, eher 3 und 5 kHz ist normalerweise einer, den man ein bisschen anheben kann, um die Präsenz zu pushen. Das ist ein Bereich, der für einen angenehmen Klang viel bewirken kann.
Mupfig, flach, nasal sind vermutlich eher so Frequenzen um die 800. Kann also sein, dass Du mit so einem Boost bei 1kHz da auch schon reinregelst, wenn das Band, mit dem Du da anhebst, zu breit ist.

Meine Standard-Vorgehensweise für Parametrischem EQ von Stimme (ich nutze Bordmittel ReaEQ):

  1. High Pass Filter - alles unter 70-80 Hz kann weg. Nimmt nur Platz, hört man kaum. Wird bei mp3 oder anderer verlustbehafterer Komprimierung eh größtenteils wegfallen

  2. Band - Grundfreqzenz der Stimme finden. Bei tiefen Erwachsenenstimmen üblicherweise zwischen 100 und 150. Bei höheren Stimmen eher 150 bis 200 Hz. Macht die „Wärme“ und die sollte man natürlich nicht wegregeln. Sondern bisschen verstärken.

  3. und oft auch 4. Band - oft stören die Vielfachen der Grundfrequenz ein bisschen, z.B. mulmt es um den Bereich 400 Hz. Oder es näselt in dem Bereich um 800 Hz. Kann man dann bisschen rausnehmen. Pro Tip, um die störendsten Frequenzen zu finden: Ein so genannter Sweep!

Heißt: Das Band relativ schmal machen (Q-Wert klein machen). Und dann ordentlich verstärken (!), so ca. 12-15 dB und dann in der grafischen Darstellung des parametrischen EQ, den Punkt nehmen und ihn mit der Maus so hin und her fahren (sweepen). So kann man die besonders störenden Frequenzen rausfinden. Weil die eben ganz besonders stören. Du wirst es hören, trust me. Und dann kannst du sie absenken.

  1. Band - Präsenzanhebung obere Mitten, 1-3 dB. Je nach Stimme und Aufnahmesituation. Da wo’s am angenehmsten klingt. Aber ohnehin sehr breites Q, sodass quasi alles nebendran auch mit angehoben wird.

  2. Band - hier kommt dann wirklich das Highshelf. So ab ca. 10 kHz nochmal ein ganz bisschen angehoben. Aber nicht zu doll.

Generelle Faustregel: Wenn man viel mehr als 3-4 dB regeln muss, kann man vielleicht besser was an der Aufnahmesituation ändern.

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Was auch noch hilft:
Zum überprüfen mal leise drehen, so dass mans kaum noch hört, und dann anhören. Was dann zuviel ist, runter regeln. Beim laut hören foppt einen das eigene Gehör gern und gewöhnt sich schnell an Sachen. Mit mal leise anhören kann man den Gewöhnungseffekt etwas aushebeln.

Wenn das eigene Gehör nicht mehr gut ist, lieber nicht zu leise regeln beim Testabhören, weil man sonst manche Frequenzen nicht mehr wahrnimmt und denkt, dass man da noch mehr raufpacken muss, was aber ein Trugschluss ist.

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