Die Freigabe vom Interviewpartner


#1

Hallo,

ich hoffe, die Kategorie passt.

Mein Podcast besteht aus Interviews über Sex, Beziehungen und Fetischzeug. Und da es um sehr persönliche Sachen geht, räume ich den Leuten ein:

  1. Wenn Du meinst, Du plauderst zu viel aus, sag es und ich entferne es natürlich aus der Aufnahme.
  2. Wenn ich den Schnitt fertig habe, bekommst Du das Ding zum Hören. Erst wenn Du das freigibst, geht es online.
  3. Wenn Du möchtest, bleibst Du völlig anonym. - Das funktioniert allerdings nicht sooo gut, allein schon die Stimme ist in der Zielgruppe ausreichend.

Außerdem sorge ich dafür, dass in der Aufnahme enthalten ist, dass die Leute wissen, was damit gemacht wird, dass sie absolut einverstanden sind etc. Sozusagen ein mündliches Einverständnis auf Band.

Das möchte ich auch beibehalten, aber ich sehe schon, dass die Leute sich erschrecken. Zum Teil durch Ihre eigene Stimme.

Waaas? So klinge ich? Das ist ja furchtbar.

Es kostet recht viel Überzeugungsarbeit und ist kaum planbar.
Viel mehr sorgen mache ich mir, was passiert, wenn jemand nach Monaten sagt: “Sebastian, entferne die Folge mit mir bitte”.

Jetzt meine Fragen:
Wie macht Ihr das? Gibt es da evtl. rechtliche Einschätzungen zu?
Sollte gar ein Stück Papier unterschrieben werden?
Gibt es Vorlagen?
Wie löst Ihr das bei einem “Rückruf” der Folge?

Grundsätzlich funktioniert mein Konzept nur, wenn die Gesprächspartner 100%ig darauf vertrauen können, dass sie eine gewisse Kontrolle haben. - Das lockert die Zunge erheblich. Aber ganz blöd dastehen möchte ich natürlich auch nicht und über die Jahre die ganzen Folgen wieder entfernen.

Vielen Dank für eure Einschätzungen.


#2

Hi,

die Erfahrung habe ich nicht gemacht. Nun habe ich keinen BDSM-Podcast gemacht und kenne weder Szene noch Inhalte. Aber ich nehme zumindest auch mit unerfahrenen Gästen auf und verfahre ganz unabhängig von der Thematik ebenso.

Mir fällt spontan ein Vergleich mit einem Fotografen ein: Wenn ein Fotograf auf dich zukommt, sagt “Ich würde gern mit dir Fotos machen” und du zustimmst, dann schmeißt du ja auch nicht das ganze Projekt übern Haufen, weil du auf einmal sagst “Ach nee, ich sehe auf Fotos nicht so gut aus”. Du mäkelst wegen des einen Bilds, wo du so blöd zwinkerst, oder bittest darum, dass der eine Leberfleck retouchiert wird.
Aber du sagst ja nicht nach dem ganzen Shooting “Ach so, SO sehe ich aus? Nee, komm: Schmeiss weg!”.

Die meisten meiner Podcasts gingen recht unrigidiert durch. Hier und da wurde mal ein Interna ausgeplappert oder man wünschte, dass ich bestimmte Teile herausschneide, weil man da zu viel gestammelt habe.
Aber die gesamte Sendung ging meist online.

Von der rechtlichen Seite habe ich keine Ahnung. Dennoch mal laut gebrainstormt:
Es ist ja bekanntermaßen so, dass jeder das Recht hat, seine eigenen “Werke” zu beeinflussen. Mein Verständnis ist, dass es aber auch dann dir zugeschrieben werden können muss. Wenn der Gesprächspartner anonym ist und ein Rückschluss nicht möglich ist, dann ist das vermutlich schwierig, eine Rücknahme rechtlich durchzusetzen - woran soll der Außenstehende (und somit möglicherweise ein Richter) identifizieren, dass der Gesprächspartner der Kläger ist?
Ob die Stimme da ausreicht? Selbst, wenn die Stimme eindeutig zuzuordnen ist, ist das ja im halböffentlichen Raum eines Gerichts und nicht etwas, woran jeder jemanden identifizieren könnte.

Zur Sicherheit ist ein kleines Schriftstück zum Einräumen eines zeitlich unbegrenzten Nutzungsrechts aber immer hilfreicher als keines zu haben. Du solltest da nur die Version/Dateinamen und vor allem das Veröffentlichungsdatum/Zeitpunkt festhalten. Ansonsten könnte sich der Gesprächspartner darauf berufen, dass die veröffentlichte Version nicht die ist, für die er unterschrieben hat.
Ich glaube, dass so etwas nicht abschreckend ist - sondern nur deine Professionalität bzw. das Bewusstsein über dein Themas unterstreicht.


#3

Vielen Dank. Da sind einige spannende Punkte drin.

Ich denke, es ginge auch weniger darum, verklagt zu werden. Aber ein gewisses Vertrauen muss da sein, sonst macht ja keiner mit. Ein “der hat das veröffentlicht, ohne das ich das wollte” ist eher schlecht, wenn man Gesprächspartner sucht.

Ich bin sowieso begeistert, wie viele tatsächlich mitmachen möchten. - Das soll so bleiben:-)

Das kleine Schriftstück gibts bestimmt schon irgendwo. Ich werde Google mal fragen.

Lässt sich ein Podcaster mit einem Fotografen vergleichen? Und entstünde da eine Art Kunstwerk? Podcaster als Künstler? Ist das nicht eher ein Handwerk und geht eher in Richtung Journalismus? - Damit will ich das nicht abwerten, aber wie wird das eingeordnet?


#4

Wichtige Frage, die viel Arbeit bringen kann, wenn man das falsch angeht.

Mein Erfolgsrezept ist: Vor dem Gespräch anbieten, wenn man merkt, man hat einen Unsinn gesagt, dann bitte gleich sagen, oder zeitnahe danach. – Dann aber nicht mehr freigeben lassen. Die Leute sollen bitte-wenn-es-irgendwie-geht, vorher neinsagen.

Es war nie ein Problem, nie hat jemals wer was zurückgezogen. Es gab aber sehr wohl eine Anfrage einer Marketingabteilung, ein Stück rauszuschneiden, nachdem alles schön publiziert war. Mit der angebotenen Alternative, das ganze Ding sonst zurückzuziehen. Weil es ein sonst schönes Gespräch war, habe ich mich gebeugt. Seither meide ich solche Situationen.

Beim Radio sind wir schärfer - wenn jemand für ein Radiointerview in ein Mikro reinredet, gilt das als Zustimmung. All das kann auf Sendung gehen und wird auch nicht zum Freigeben rausgegeben.


#5

Was mir da gut hilft ist auch mein eigenes GEspür dafür, ob meine Interviewpartner/in sich an manchen Stellen anfängt ins eigene Fleisch zu schneiden und dann nachzuarbeiten, ohne den Sinn zu entstellen (meist sinnvoll schneiden).
Bislang noch nie notwendig gewesen, aber wenn ich das nicht sinnerhaltend schneiden kann, würd ich nochmal mit den Interviewten sprechen, wie ich das in ihrem Sinne umschneiden könnte, bzw sogar transparent schneiden, sprich ein “Schnitt”-Jingle reinbaun.

Ansonsten ist es sehr hilfreich im Vorfeld nen Vorgespräch zu machen, vielleicht sogar mal ne Testaufnahme zu machen, wenn Du das Gefühl hast, da könnte es Probleme geben.
Das klärt auch oftmals, ob mein Gegenüber sich etwas zu gehemmt fühlt fürs Interviewt werden. In dem Falle kanns also auch sein, dass ich mich doch noch gegen ein Interview entscheide, speziell wenn ich viel Überzeugungsarbeit leisten muss, lass ichs lieber.

Und was immer hilft: sprich die potenziellen Probleme an. Gerade bei so einem heiklen Thema müssen alle wissen, worauf sie sich einlassen, so wie es bei Sex/BDSM allgemein notwendig ist: Konsensualität halt.


#6

Was Lothar sagt: Grundsätzlich reicht es als Zustimmung, wenn sich jemand auf ein Interview mit Dir einlässt. Wenn man sich mit einer Antwort oder einer Frage unwohl fühlt, sollte man das deutlich während der Aufnahme sagen und darauf vertrauen können, dass es dann auch wirklich nicht genutzt wird. Da ist ein klares Vorgespräch wichtig, in dem der Gast über diese Möglichkeit informiert wird. Der Rest liegt dann in Deiner Hand, heißt: Das Gespräch muss in seiner inhaltlichen Aussage unverändert wiedergegeben werden. Also keine sinnverkehrenden Schnitte, Antworten nicht in einen anderen Kontext stellen usw usf.


#7

Hui. Wenn ich vor einem Jahr gewusst hätte…

Ich sehe, ich mache schon einiges richtig. Etwas mehr Selbstbewußtsein und etwas mehr “die Richtung vorgeben” werde ich versuchen.

Schön ist auch “Das Gespräch muss in seiner inhaltlichen Aussage unverändert wiedergegeben werden.” Das ist ein sehr schöner Leitsatz.

@Mespotine Es ist zwar aufwändig, aber ich spreche die Leute erstmal an, stelle das vor, suche Themen. Mit einer dicken Liste gehe ich ins Vorgespräch und dann schauen wir, was rein soll, was nicht gesagt werden soll. - Dann ist vor der Aufnahme der Fahrplan recht klar. Das geht ganz gut.

@schaarsen Ja, wer reinspricht, willigt ein. Würde ich überall so machen, nur bei dem Thema nicht.

Toll, dass Ihr euch hier so ausführlich äußert. - Das hilft echt weiter.