BBC zieht Sendungen von Google Podcasts/Assistant ab


#1

Ich glaube, das wurde hier noch nicht diskutiert - was haltet ihr davon?

You might have also seen that our podcasts are no longer available on certain Google products - including the Google Podcast app and Google assistant. I want to explain a little bit about why that has happened.
[…] Google has since begun to direct people who search for a BBC podcast into its own podcast service, rather than BBC Sounds or other third party services, which reduces people’s choice - an approach that the BBC is not comfortable with and has consistently expressed strong concerns about. We asked them to exclude the BBC from this specific feature but they have refused.

Quelle: http://www.bbc.co.uk/blogs/aboutthebbc/entries/d68712d7-bd24-440f-94a0-1c6a4cdee71a


#2

Full disclosure: Ich arbeite bei Google. Nicht an dem Produkt und ich habe auch kein privilegiertes Wissen über den Vorgang… Trotzdem habe ich aber eine Meinung, bitte die aber nicht mit einem offiziellen Statement zu verwechseln. Hier also meine privaten Gedanken dazu:

Ich frage mich wovon die eigentlich genau reden. Zur Google Podcast App führen zwei Wege: Die Google Suche am Handy und die App selbst. An der Suche am Handy bekommt man - sofern man dafür die Google Such App nutzt - im Falle eines Podcasts die Möglichkeit vom Suchergebnis aus direkt abzuspielen und ggf. zu abonnieren zu können. Weblinks werden auch angezeigt und denen kann man natürlich auch folgen. In der App selber gibt es einen Menüpunkt über den man die Webseite des Podcasts jederzeit aufrufen kann (eben nachgesehen) sofern man das möchte.

Der zweite Weg Podcasts zu finden führt über die Podcast App selbst. Sieht dann so aus:
googlepodcast

Ich frage mich wo das Problem liegt. Jede andere Podcast App bietet eine sehr analoge Möglichkeit nach Podcasts zu suchen und normalerweise ist der Link zur jeweiligen Webseite irgendwo zu finden, wird einem aber nicht aufgedrängt. Macht ja auch Sinn, die meisten Leute nutzen einen Podcatcher ja zum hören und nicht um auf die BBC Seite zu surfen.

Das Abwenden von Google Assistant ist noch seltsamer… Das ist ja im Prinzip die Infrastruktur hinter Google Home und Google Now. Da will der Nutzer doch gar nicht zum Web sondern wir reden von Szenarien in denen Du einen Sprachbefehl gibst…

Ich habe jetzt an meinem Handy rumprobiert und leider nicht herausgefunden was gemeint ist wenn davon gesprochen wird, dass bei entsprechenden Suchen nicht zur richtigen App gelenkt wird. Meinen die, dass die Google Podcast App der Default Player ist? Das wäre ziemlich analog zu der Apple Welt wo sich auch bei geeigneten Links die Apple Podcasts App zuständig fühlt oder ggf. bemüht werden muss…

Ganz allgemein muss man mal festhalten, dass Google bisher keine Default Podcast App hatte sondern unter Android generell immer ein Podcatcher installiert werden musste. Das war auf der Apple Plattform bekanntermaßen anders, da gehört die Podcast App zum Standard. Das hat auch dazu geführt, dass immer noch die Apple Devices die Downloadstatistiken der meisten großen Podcasts anführen. Eine eigene Podcast App zu haben und ggf. auf Google zertifizierten Geräten standardmäßig unterzubringen war daher eine Forderung, die seit Jahren immer mal wieder aufgestellt wurde. Schließlich könnte man damit einige Milliarden Endgeräte für Podcasting erschließen…

Die momentane Podcast App ist nicht der erste Versuch von Google in der Richtung. Zuvor hatte man versucht eine Art Spotify-Ansatz zu fahren und Leute dazu aufgefordert ihre Podcasts in Google Play Music zu registrieren von wo aus die Dateien dann zwischengehostet und gestreamed werden sollten. Das war aber nur in den USA verfügbar und wurde inzwischen wieder eingestellt.

Die jetzige App ist viel näher an einem einfachen klassischen Podcatcher und macht keinerlei Hosting und benötigt auch keine Registrierung. Statt dessen werden da die Feeds verwendet und das Abspielen passiert vom jeweiligen Server aus, ganz wie es sein soll. Im Vergleich zu iTunes wird hier allerdings keine Registrierung in einem eigenen Directory fällig sondern der Katalog speist sich aus dem ganz normalen Google Crawler. Aus dem kann man ggf. einen Opt-out machen wie ja auch bei Webseiten. Die BBC hat das wohl für die meisten (aber scheinbar nicht alle) Formate gemacht…

Ich persönlich bin etwas frustriert davon, dass sich dieser Tage immer mehr Podcastinseln auftun. Da gibt es Podcasts in irgendwelchen Diensten in denen die Macher keinen RSS Feed erzeugen, da gibt es exklusiv-Formate auf Audible, Spotify, etc. und jetzt wo am Horizont die Möglichkeit auftaucht endlich mal die Discovery-Problematik zu verbessern indem Suchmaschinen jetzt wissen wenn sie eigentlich einen Podcast gefunden haben bastelt BBC auch seine eigene Lösung. Schade…

my 0,02€
//D


#3

Ich bin auch ziemlich perplex. Danke für deine Einblicke, Dirk. Bei Podnews findet man auch noch mal ein paar interessante Details: https://podnews.net/article/bbc-blocks-google:

Our take
What does this mean? This could mean the end of the open and distributed nature of podcasting, if the BBC gets their way.
There already is legal precedent that licences are not required for merely linking to content from a search engine or from other websites. A podcast is a link to audio content on the publisher’s server, using an RSS feed expressly for this purpose. It’s no different to a link to a story on BBC News’s website; using the OpenGraph metadata for this purpose.
The requirement for a licence is impractical. There are 670,000 podcasts in the current podcasting ecosystem, and any podcast app developer would be reluctant to be forced to sign tens of thousands of different licences to run a podcast app. This requirement would essentially kill podcasting apps.
The BBC’s requirement for user data, again, clashes with how podcasts work: every link from Google is a direct download from the BBC, so user data - in terms of location, device and total downloads - is already implicitly supplied.


#5

Mit der Logik müssen sie aber eigentlich auch aus dem Apple Universum verschwinden, ihre RSS Feeds generell einstellen und darauf bestehen ihre Formate ausschließlich über die eigene App zu verbreiten oder nicht?


#7

In letzter Zeit mal Apples Statistiken und deren Ads Modul angesehen? Anscheinend nicht.

Ansonsten ist es ja nicht so, dass sie “zu Google gehen”, sie ziehen sich aus dem offenen Web zurück. Feeds sind schließlich dazu da, Inhalte zu verteilen und dem Benutzer die Möglichkeit zu geben die Rezeption selbst zu steuern. Die Logik “wenn wir im Google Podcatcher sind bekommen wir weniger Daten als wenn in der eigenen App gespielt wird” greift deshalb auch bei PocketCasts, Overcasts, Podcat, Antennapod… All den Apps eben, die direkt den Feed nehmen oder über das Apple Directory kommen.


#8

Man kann doch die aktuelle Medienkrise beklagen und sehr skeptisch gegenüber Spotify & Co. sein und sich trotzdem über den Move der BBC wundern. Ich verstehe nämlich auch immer noch nicht, was das bringen soll. Möglicherweise ist das nur der erste Schritt, und man zieht sich tatsächlich auch aus anderen Verzeichnissen zurück. Disney macht es ja gerade vor…


#9

Noch ein Nachtrag: Ich verstehe durchaus die Motivation der BBC. Im Grunde wollen die detaillierte Statistiken und die Hoheit über ihre Ausspielkanäle, unter anderem um Kontrolle über ihre Werbemöglichkeiten zu behalten. Beides haben sie nur bei der eigenen App und in etwas schwächerer Form bei Apple (für Hörer, die die Apple Podcasts App zum Abspielen nutzen).

Schon bei Spotify mache ich ein großes Fragezeichen was den Ausspielkanal angeht, aber da bekommen sie immerhin noch detaillierte Statistiken über ihre Hörer und Spotify partnert mit ihnen vermutlich auch in Sachen Werbeeinnahmen etc.

Unterm Strich bedauere ich halt, dass sich die Audiowelt gerade in immer mehr Inseln aufteilt und die eigentlich doch großartige Idee über Feeds Inhalte zu verteilen, die man dann als Nutzer selbst zusammenstellt, dabei auf der Strecke bleibt. Schon heute muss ich für bestimmte Formate zwischen der Spotify App, Audible und meinem Podcatcher wechseln. Demnächst dann noch eine App je großem Medienhaus? Spotify lässt die freien Inhalte ja wenigstens noch mitspielen, aber wenn man den Trend extrapoliert wird es halt irgendwann nicht mehr attraktiv sein selbst zu hosten und frei zu kommunizieren sondern man muss sich einer Plattform anschließen oder auf Social Media als Ausspielkanal beschränken. Deprimierende Vorstellung irgendwie…


#11

Ja, aber die Dusche hat kein wirtschaftliches Interesse daran meine Duschgewohnheiten zu erfassen und mich zu möglichst langem Duschen zu animieren. Medienapps haben dieses Interesse eben schon.
Die BBC will uns ja in der eigenen Mediathekenapp haben damit sie genau das erreichen: Maximale Nutzung ihrer eigenen Inhalte, möglichst große Werbeplattform, möglichst detaillierte Statistiken um die eigenen Inhalte noch besser auf den Massengeschmack abzustimmen. Möge mir ein Medienprofi widersprechen wenn ich das falsch einordne.


#13

Ich hab inzwischen schon verstanden, dass dir Google auf den Zeiger geht. Jetzt verrate uns doch mal welche Überlegungen außerdem deiner Meinung nach relevant sind. Immerhin spielen die ja ansonsten überall aus, zumindest noch.


#14

Mich würde auch interessieren, welche Vorteile es für ein öffentlich-rechtlich finanziertes Medienhaus hat, passive Verbreitungskanäle einzuschränken.

Ich verstehe, dass jede Platform, die selber die Daten bei sich hostet anstatt beim Content-Provider potentiell problematisch ist (ich bin selbst wahrlich kein Fan von Spotify/Audible/etc). Wir reden hier aber vom Ausliefern eines RSS-feeds, der dann passiv von Clients, auch Google Podcasts, abgerufen wird und dabei ein Handvoll Nutzer:innen-Daten an den Server schickt. Ich würde mich freuen zu verstehen, was daran schädlich für den institutionalisierten Journalismus ist, abgesehen vom weniger effektiven Tracking im Vergleich zu einer proprietären App.

Außerdem glaube ich hier nicht an eine Konflikt Podcast vs Radio, denn die BBC produziert einige Podcasts als Podcasts, nicht fürs Radio. Es ist also ein Konflikt aus institutionalisiertem Podcast vs. freien Podcast vs. Podcatchern.

Und dass es außerhalb von Institutionen keinen freien Journalismus geben kann, möchte ich gerne mal den Menschen bei Riffreporter oder Thilo Jung erzählen. Genauso, dass Institutionen unabhängigen Journalismus betreiben würden (hallo, Artikel 13 Berichterstattung aller Verlagshäuser).


#15

In eine ähnliche Richtung wie ich oben ging @PhilipBanse auf Twitter

Das ist meiner Meinung nach der Knackpunkt. Wenn RSS Feeds irgendwann nur noch von Indies frei verbreitet werden während Medienhäuser nur noch an die Kanäle ausliefern bei denen Geld und Daten fließen dann ist es eben auch bald so, dass Hörer zwischen den von mir schon erwähnten Audioinseln wechseln um Inhalte zu bekommen und es uninteressanter wird Apps für den freien Bereich weiter auszubauen.

Meine Frau hat das unter dem Eindruck der Subscribe neulich schön ausgedrückt: “Ihr diskutiert hier Radio vs. freie Podcastszene aber mir als Hörerin ist das egal, ich höre einfach was ich finde und was mir gefällt”. Deswegen gehe ich auch nicht mit wenn Stefan hier “Radio ist Radio und Podcast ist Podcast” postuliert. Beides ist Audio und damit Konkurrent um die “Hör-Zeit”. Beides kann eine persönliche Ansprechhaltung finden, gewachsene Formatierungen aufbrechen und beides kann Nischenthemen bedienen.

Bisher war es allerdings so, dass Funkhäuser und Radiosender sich öffnen mussten um sich am Podcastökosystem zu beteiligen. Dadurch konnte z.B. der AufwachenPod neben “Der Tag” auftauchen oder Die Lage der Nation überhaupt auf Augenhöhe mit etablierten Medienformaten unterwegs sein. Wenn wir das wieder auseinander dividieren zerteilen wir halt den Kuchen und Akteure mit Marketingbudget haben einen automatischen Reichweitenvorteil.

Ich wiederhole mich: “Ich finde das schade.” Wird sicher nicht das Ende der freien Podcastszene werden, aber auch keine Verbesserung…


#18

Das Dilemma des Internets in a nutshell.
Wenn Menschen nicht zu bequem wären sich außerhalb ihrer Blasen zu bewegen und dort Inhalte zu suchen die sich von den mundgerecht servierten unterscheiden, dann gäb’s kein facebook und keine fake news :slight_smile:


#21

Schade, dass sich die Diskussion damit wohl schon erschöpft hat. FAGA = böse; Ende.