Auch ein Geschäftsmodell


#1

Leute, wir sind einfach nicht unverschämt genug!

Ich habe vor kurzem John Lee Dumas vom US podcast ‘Entrepreneur on fire’ angeschrieben und gefragt ob er irgendwo seinen Workflow dokumentiert hat. Er veröffentlicht nämlich seit Jahren je ein neues Interview täglich und ich hätte gerne den Ablauf dokumentiert und vermutete irgendwo einen blogpost oder ein Interview, das er vielleicht gegeben hat.

Als Antwort verwies er auf diesen Link. hinter dem seine ganz persönliche Content-Abo-Sammlung liegt. Sign-up kostet schon über 200$, dann monatlich 99$ obendrauf. Das erklärt so einiges…

Btw: wer wissen möchte wie Serial, This American Life und co produziert werden und weniger Geld investieren möchte, der steckt 17€ in dieses phantastische Buch


#2

Naja, es ist halt sein Job und somit auch sein Kapital.
Wenn er so gut ist das andere dafür zahlen wollen um mehr zu erfahren,
finde ich es nicht wirklich verwerflich.


#3

Ich habe nicht gesagt, dass das verwerflich ist. Allerdings finde ich einen sign-up fee von 280$ und monatlich 99$ für egal welchen Content auch einen steilen Obulus. Auch alles zu Tode zu monetarisieren finde ich generell eher anstrengend.

Mir geht es aber im Grunde um was anderes:
Bei uns wird ja gern mal darüber gejammert, dass in Deutschland niemand so viel verdient wie in den USA. Wenn ich mir das Modell jetzt so anschaue, dann mag ich unsere Szene, die überwiegend auf Kollaboration beruht aber ehrlich gesagt um einiges lieber.

:wink:


#4

Die Sign-up Fee ist schon etwas dreist. Aber wenn es funktioniert, why not?
Ich denke die Amis sind da eh etwas anders gestrickt.
Wenn man mal sieht wie sich das etabliert hat bei den “Promis” für Autogramme und Fotos (Meet&Greet) abzukassieren.

Die Frage die sich stellen sollte, warum wir hier in Deutschland nicht auch einfach sagen,
die Arbeit und Zeit die wir reinvestieren sollte einen Preis tragen.

Liegt aber sicher auch daran, das weniger Mainstream Konsumenten vorhanden sind.

Kollaboration schließt ja auch nicht aus, dass man für die Arbeit entlohnt wird.
Ich denke da auch an Webdesigner*, Grafiker* etc. die immer wieder begründen müssen (leider) warum es nicht ok ist, wenn sie Anfragen bekommen die vorraussetzten ihre Arbeit kostenlos bereit zu stellen.
Als Gegenleistung bekommt man ja Sichtbarkeit, also kostenlose Werbung. Ernährt halt nur niemanden.

Ich glaube aber eine ähnliche Diskussion gab es mit dem Viertausendhertz Podcast Projekt.


#5

Im Falle von JLD ist es halt Abofalle + Monetarisieren der Hoffnung der Hörer er hätte irgendein übertragbares Geheimrezept gefunden. Klar darf er, klar kann er (offensichtlich).

Viertausenhertz ist da ein ganz anderes Kaliber. Die produzieren hochwertige Audioformate und monetarisieren respektvoll. Die 4000Hz-er lieben außerdem erkennbar das Medium und wollen gute Sendungen machen. Ich beobachte das gespannt und wünsche Ihnen richtig viel Erfolg…

Im Gegensatz dazu produziert JLD ok-ish Interviews (für meine Europäischen Ohren eher anstrengende und ich bin Silicon Valley Amerikaner gewöhnt), die auf minimalen Aufwand ausgelegt sind (immer dasselbe Interviewmuster, nur wechselnde Teilnehmer) und hat alles auf die Monetarisierung hin optimiert. Es geht nicht um die Inhalte und schon gar nicht um die Hörer. Es geht nur darum, Dich möglichst bei der Stange zu halten und in seinen Funnel zu schleusen.
Letztendlich wird Dir da ein Knäckebrot als Pizza verkauft und die Masse, die er erreicht sorgen dafür, dass es funktioniert.

Kann man machen, schön ist aber trotzdem anders :wink:


#6

Naja… wenn du englischen Content produzierst, hast du direkt mal 840 Millionen potentielle Abnehmer (laut Ethnologue 2015, ich tippe mal, dass es eher gen 1 Milliarde und mehr geht). Bei deutschsprachigem Content sind es etwa 86 Millionen (laut Ethnologue 2015, vermutlich gibt es auch hier die ein oder andere Million mehr, würde ich sagen). Dieser Unterschied macht sich natürlich auch in den tatsächlichen Konsumenten-Zahlen bemerkbar.

Unter Umständen ist der deutschsprachige Markt einfach nicht groß genug, um mit den Erlösen regelmäßig und hauptamtlich sein Klopapier finanzieren zu können. Versuche wie die Castronauten oder 4000-Hertz werden jetzt Testballons sein, die das mal rausfinden werden (ich weiß, dass Holgi und Tim das teils schon tun, aber bei denen funktioniert vieles anders, als es für die meisten Podcastenden funktioniert (Holgi hat bspw. einen Teil seiner Reichweite vom Radio mitgebracht)).

Generell finde ich die Idee interessant mal den Aufwand zu kommunizieren, den eine Podcastfolge gebraucht hat. Das könnte man z.B. mit der Erwähnung der Arbeitszeit in der Episode machen. Vielleicht verleitet das HörerInnen dazu, sich eher mal per Patreon o.ä. zu beteiligen.


#7

Dafür konkurrieren auch wesentlich mehr Produzenten um die Aufmerksamkeit der Hörer. Ich bin kein Statistiker, aber irgendwie vermute ich, dass sich das dann gegeneinander auflöst.

Außerdem: Serial ist ja angeblich der erfolgreichste Podcast aller Zeiten und hat Hörer knapp über einer Million. Das würden wir in Deutschland zumindest theoretisch auch hinbekommen, damit trägt das Reichweitenargument nur bedingt.


#8

Nunja, ich weiss nicht ob das so interessant ist für den Hörer.

Ich höre jede Folge nochmal und schneide sie. Das dauert halt inkl Aufnahme einige Stunden.
Da ich den Fokus im Gegensatz zu anderen Deutschen Formaten nicht auf die Technik legen möchte und den Hörer nicht mit Sound/Technikproblemen behelligen mag. Sehe ich das etwas problematisch.


#9

Das ist ja nur ein Vorschlag. Du könntest genauso gut einen Vermerk in die Shownotes schreiben. Ich finde das auch gar nicht sonderlich technisch, denn Lohn wird i.d.R. auch nach Zeit berechnet. Das ist also ein recht populärer Marker für Aufwand.

Ich finde die investierte Zeit ist ein schöner Indikator, um eben den “Preis” einer Episode mal transparent zu machen. Einerseits, weil alle nachvollziehen können, dass man sich über Wertschätzung freut (wie auch immer diese aussehen mag), wenn man 5 Stunden an einer Episode gearbeitet hat und andererseits, weil eben klar wird, dass auch kostenlose Angebote mit viel Mühe produziert werden.


#10

[quote=“dirkprimbs, post:3, topic:2785”]
Wenn ich mir das Modell jetzt so anschaue, dann mag ich unsere Szene, die überwiegend auf Kollaboration beruht aber ehrlich gesagt um einiges lieber.[/quote]

Das sehe ich auch so…

Ich denke aber auch, dass Du sowas auch erst bringen kannst, wenn Du schon entsprechende Hörerschaft hast. Wenn Du mal einal 100.000 Hörer hast und dann kannst Du Dir überlegen, ob Du auf Bezahl-Content umsteigst. Dann verlierst Du zwar 90.000, aber von den 10.000 die zahlen kannst Du leben (das ist bestimmt keine einfache Entscheidung).

Ich glaube so läuft das oft - und geht bestimmt oft genug in die Hose (siehe z.B. bei mitfahrgelegenheit).

Nicht per se - aber das ganze wird dann oft ziemlich unentspannt, wenn mal Geld im Spiel ist. Kenne das z.B. aus der SEO-Szene. Da ist zwar nach außen hin bei Treffen vieles locker und kumpel-mäßig, aber im Endeffekt geht es um knallharten Business und man gönnt sich gegenseitig die Butter auf dem Brot nicht.

[quote=“Chris, post:4, topic:2785”]
Die Frage die sich stellen sollte, warum wir hier in Deutschland nicht auch einfach sagen, die Arbeit und Zeit die wir reinvestieren sollte einen Preis tragen.[/quote]
Weil es nicht funktionieren würde. Man braucht da imo einfach eine gewisse kritische Masse an Usern.
Ich finde da Micropayments viel praktischer (lieber 1000 User die einen Euro zahlen als 10 User die 100 Euro zahlen).

Aber passiert das nicht häufig, wenn man plötzlich von seinem Hobby die nächste Miete zahlen muss?

(das ist es ja auch worauf ich mit meinem Mainstream-Thread hinaus wollte: Wollen wir das so???)

Gruß, Dave


#11

Das muss nicht zwangsläufig passieren, aber natürlich bleibt das nicht aus.
Auch in den USA ist JLD ja ein Einzelfall. Der Großteil der bekannten Podcasts optimiert auf “Hochglanzcontent” und das geht für mich in Ordnung. Aber wie immer gibt es viele verschiedene Modelle und ich fand dieses spezielle Beispiel einfach herausragend. :slightly_smiling:


#12

Jap, auch ein Grund warum ich Geld ungern ins Spiel einwerfe.
Leider kommen aber Serverkosten/Equipment als Kostenfaktor immer hinzu. Wenn man zumindest diese kosten decken kann, wäre das optimal. Aber halt nicht ideal, wenn man sein Lebensunterhalt finanzieren möchte. Daher verstehe ich schon warum die Amis das so aufziehen. Da nimmt man das Unbehagen in Kauf.

Dafür braucht es ein stabiles und einfaches Micropayment verfahren. Haben wir aber nicht duck.
Zudem muss der Wille beim User vorhanden sein, auch etwas in den Hut zu werfen. Das ist eine sehr große Hürde.
(Wenn man es überhaupt darauf anlegen möchte natürlich)


#13

Führen diese Ratgeberbücher nicht immer dazu, dass neue Bücher geschrieben werden müssen, da jetzt alle so handeln wie im Buch und man sich wieder abheben muss? :stuck_out_tongue_winking_eye:


#14

Vielleicht hat Herr Dumas auch das Gefühl alle Fragen schon *zigmal beantwortet zu haben :wink:

Hier der Marketing-Podcast von Amy Porterfield mit ihm als Gast aus 2014:

#022: How to Start and Build a Profitable Podcast with John Lee Dumas


#15

Tja, nur beschreibt er da nicht :slightly_smiling: wie sein Workflow aussieht.
Das was er da erzählt kannst Du ca. 8 Millionen mal im Netz finden. Interessant wäre jetzt wie er earbeitet. Sprich: Wie findet er seine Interviewpartner, wie viele Interviews zeichnet er pro Tag auf, welche Tools setzt er ein um alles in einem Rutsch durchzuproduzieren, welche Edits macht er selbst, welche Sachen sind outgesourced, welche Folgeschritte schließt er an, zahlt er seinen Partnern was, usw. usf. Das spannend Zeug eben :wink:


#16

Aus welchem Grund sollte JLD seinen Workflow öffentlich machen? Macht ein Unternehmen wie Audi seinen Workflow publik wie sie Autos entwickeln und produzieren? Und warum legt unser Eismann an der Ecke sein tolles Rezept seines Joghurteises nicht öffentlich aus?


#17

Muss er nicht veröffentlichen, macht er auch nicht.

Allerdings stimmt es nicht, dass alle anderen ihren Kram geheim halten. TAL, Snap Judgement, 99% Invisible etc ist komplett und bis ins letzte Detail in Buchform, in Podcastform und online dokumentiert. Und das sind im Vergleich unglaublich viel besser produzierte Inhalte. Die hätten viel mehr Grund ihre Prozesse für sich zu halten.

Transom veröffentlicht Material vom Feinsten auf ihrer Webseite, manche Podcaster schreiben Posts über ihre Arbeit um anderen zu helfen und es gibt komplette Roundtables etc. Warum könnte man sowas also tun wollen? Hm… vielleicht um anderen zu helfen und um der Community zurückzugeben von der er sicher auch profitiert hat.

Sein Prozeß ist auch sicher nicht so originell, dass man damit plötzlich auch reich werden kann sobald er sein “Geheimnis verrät”. Wir reden hier nicht vom Coca Cola Rezept :wink: Ich selbst habe immerhin auch einen täglichen Podcast und maße mir daher an, ganz gut herleiten zu können wie er vermutlich arbeitet.

Was mich an JLD’s Reaktion zugegebenermaßen stört ist die Unverfrorenheit mit der er eine Frage nach etwas eigentlich recht simplen mit einem Aboangebot von 400$ beantwortet. Klar darf er. Klar ist das legitim und sein Geschäftsmodell. Geht schon in Ordnung. Abmahnungen im Internet sind auch ein ligitimes Geschäftsmodell und die finde ich auch nicht gut…


#18

Ob andere ihren Kram öffentlich machen oder nicht, tut nichts zur Sache. Er tut es nicht. Das ist Teil seines Geschäftsmodells. Und das kann er gestalten wie er möchte. Und wenn er Erfolg damit hat, sei es ihm gegönnt. Niemand wird gezwungen, sein Angebot anzunehmen. Ich kann die Aufregung darum nicht nachvollziehen.

Und dass “Abmahnungen im Internet” per se ein legitimes Geschäftsmodell sind, würde ich nicht unterschreiben. Hier tut Differenzierung Not.


#19

Es gibt keine Aufregung, das ist Deine Interpretation :slightly_smiling:
Lies mal den Thread durch wie oft da steht, dass das schon in Ordnung geht…

Nochmal zum langsam durchlesen:
Ja, es ist seine Entscheidung. Ja, es ist erlaubt und ok. Und ja, niemand ist gezwungen sein Angebot anzunehmen. Gut finden muss ich es trotzdem nicht :stuck_out_tongue_winking_eye:

Ach und ob Abmahnungen ein legitimes Modell sind liegt im Auge des Betrachters und des Bewertenden… Zunächst mal ist jedes Modell, das rechtlich möglich ist fair game bis ggf. die Spielregeln angepasst werden. Selbstredend kann man Abmahnungen aber nicht mit JLD vergleichen. Der nötigt schließlich niemanden. Ich wollte nur illustrieren, dass nicht alles gut ist was man als legitim ansehen mag.


#20

Mh, ich finde er erzählt über die Jahre eigentlich fast alles, macht viel umsonst. Die kostenlose Workshop-Inhalte in denen er Tools und Equipment empfiehlt, erzählen auch was über eigene Präferenzen und Vorlieben und bei 100 Angestellten hab ich dann auch eine Vorstellung vom Workflow.
Wenn du es übergenau wissen willst, gibt es nur eins, einen Urlaub als Praktikant/Hospitanz und sein Podcast Buddy werden :wink: