Akustikvorhang zur Reduktion der Nachhallzeit


#1

Hallo Community

Mir steht ein Umzug bevor. Ich werde in meinem neuen, kleinen Büro mit einem gängigen Problem konfrontiert sein: Raumhall.
Als simple (hätte ich gedacht…) Lösung und Teil eines “Massnahmenpaketes” ist nun ein Akustikvorhang angedacht.

  • Raumhöhe: 2,4m
  • Raumbreite: 2,8m (ergibt gewellt wohl ~4,2m Stoff)

Der Vorhang soll an einer gewöhnlichen Schiene montiert werden, nicht an einer Stange. Schalldämmung brauche ich nicht, nur Minderung der Nachhallzeit - auch wenn das zugegeben oft einher geht. Die Optik ist fast egal, lieber hell.

Ich habe mir nun hier in der Schweiz ein paar Vorschläge bei den wenigen auffindbaren Anbietern eingeholt. Der günstigste kostet eine Niere. Auch für simpelste Ausführungen. Entsprechend habe ich den Weg über den “Fachmann” wieder begraben.

Habt ihr Erfahrungen mit günstigeren Alternativen? Ein Produkt, welches kein Akustikvorhang ist, dennoch aber (fast) als solcher taugt? Kann man sowas selber nähen? Gibt es einen vernünftigen Anbieter in Deutschland? Zur Not kann ich ja auch gerne was importieren.

Vielen Dank schon jetzt für eure Inputs!


#2

Ich habe in meinem “Studio” eine ähnliche Herausforderung. An den beiden Fenstern hängen Akustikvorhänge, die je 134,- gekostet haben. Erst viel später bin ich auf Molton mit 500g/m² gekommen. Das werde ich jetzt vor eine ansonsten leere Wand hängen. Der laufende Meter kostet in creme 15,90 € bei Thomann und ist 3 m breit, hat aber keine Ösen ö.ä. zum Aufhängen. Mit Ösen gibt’s das auch in verschiedenen Maßen und liegt dann bei etwa 150,- €. Hier mal ein Link zur Auswahl: https://www.thomann.de/de/search_dir.html?sw=stairville+curtain+500&smcs=18c358_2454


#3

Ist Dein Problem Echo, Hall oder Resonanz?

Allen Dreien kann man grundsätzlich mit ausreichend Dämpfung beikommen, aaaaber: Dämpfung kostet. Vor allem Platz. So als Größenordnung sollte man bei üblichen Luftpolstern (Dämmwolle, Molton, …) die halbe Wellenlänge rechnen. Wer also Bass dämpfen will (das tiefe E am Bass hat 41,2Hz), der braucht (330/41.2)/2 = 4 Meter dicke Dämpfung. Oder Tricks (mehr dazu unten). Also nimmt man gerne andere Techniken.

Echo
Das ist im Arbeitszimmer meist eher weniger das Problem, da bei 3m Kantenlänge das erste Echo schon nach 50ms da ist, also noch an der Wahrnehmungsschwelle schwebt. Bei parallelen Wänden und insbesondere schlauchförmigen Räumen mit schallharten Enden entstehen schnell störende Flatterechos. Diese kann man prima auch durch Diffusoren entschärfen. Diffusoren sorgen für eine Streuung des Schalls durch unterschiedlich ausgerichtete Oberflächen und unterschiedlich tiefe Stapelung. Das gibt es in sehr fancy und teuer aus Holz oder anderem edlen (weil eh’ teuer) Materialien - oder gerade im Arbeitszimmer in billig (weil eh’ da) in Form eines unaufgeräumten, wilden Bücherregals. Je unregelmäßiger die Buchrücken desto besser.

Resonanz
Hat der Raum an einer Stelle einen besonders fiesen Ton? Oder ist in der Aufnahme eine bestimmte Frequenz besonders laut? Dann ist eine Raumresonanz da - also ein Echo das ganz genau so in den Raum passt, dass sich die hin-und-her flatternde Schallwelle verstärkt. Das liegt dann bei Vielfachen der halben Wellenlänge (330m / x Hz). Da hilft es manchmal, seine Position zu ändern. Wenn das bei hohen Frequenzen das Problem ist, dann verschiebt sich aber ggfs. nur die fiese Frequenz. Oder man kann den “toten” Punkt nicht halten, weil man sich eben doch ein wenig bewegte.
Auch hier helfen wieder Diffusoren (= wilde Bücherregale), so dass sich keine zwei schallharten Wände gegenüberstehen. Dadurch gibt es keine “Spiegelungen” mehr, die eine einheitliche Schallwelle hin- und herschwappen lassen.
Aber auch die an der Wand hängende Gitarre kann gegebenenfalls einfach mal mitschwingen…

Hall
Je kahler der Raum, desto häufiger kann der Schall hin-und-her “schwappen”. Und je härter die Wände, desto länger. Deshalb klingt ein Badezimmer halliger als ein Schlaf- oder Wohnzimmer. Das kleine, vollgestopfte Arbeitszimmer “hallt” dagegen so gut wie nie.
Das liegt daran, dass die Schallwellen Energie verlieren, wenn sie sich durch “weiche” Materialien kämpfen müssen, bevor sie an Glas oder Stein reflektiert werden. Ein leichter Vorhang dämpft fast nichts, eine dicke schwere (Molton-) Decke schon deutlich mehr. Für Bassfrequenzen braucht man meterweise Dämmwolle - oder schwereres Material, beispielsweise schimmend gelagerten Gummi- oder auch Gipskartonplatten (aber immer noch mit entsprechendem, wenn auch kleinerem Abstand). Auch ist Akustik-Schaumstoff deshalb schwerer als der, den man zum Verpacken nutzt. Eine “schwere” Materialkombination etwas findet sich dann in den Bass-Traps, die man teuer kaufen kann. Oder halt wieder das wilde Bücherregal. Und im Schlafzimmer hilft oft schon mal das Singen/Sprechen in den vollgestopften (weil dann dichte=schallschwere) aber geöffnete Kleiderschrank.

Wen nur hohe Frequenzen (“Zischeln”) stören, für den reicht eine kurze Dämmstrecke. Also beispielsweise dicke (“akustische”) Vorhänge. Oder direkt hinter’m Mikrofon Absorber/MicScreen/ReflectionFilter. Diese sollten aber besser nicht nur aus dünnem Schaumstoff bestehen, sondern auch schwereres Material mit 'drin haben, idealerweise auch noch unregelmäßig geformt.

Störgeräusche
…bekommt man nur durch Entfernen der Quelle oder Dämpfung weg; Voll-Dämpfung. Ein Reflection-Filter hilft da rein gar nichts. Der nervige PC muss dann komplett unter die dicke Bettdecke, Oh, wait, der wird heiß und kann gar brennen. Doof. Dann muss ein leiserer PC her, also nicht die Gamer-Kiste, sondern eher das Büro-Kistchen. Kein Laptop - wenn die erst mal anfangen, dann gerne in nervigen Frequenzen.

Ein bißchen kann man machen, wenn man “unempfindliche” Bühnenmikros nimmt und nah bespricht - dann ist das Nutzsignal “viel zu” laut, und das Störgeräusch wird vom “unempfindlichen” Mikro nicht/kaum aufgenommen.


#4

Primär noch Hall. Final kann ich das beantworten, sobald das Büro eingerichtet ist.

Danke für die Erläuterung. :+1:


#5

Meine eigene Erfahrung ist, dass gewöhnlicher Molton genügt. Ich selbst habe Akustik-Molton in cremeweiß aufgehängt; einen Teil davon als Raumteiler. Nicht einfach nur vor die Wände gehängt, sondern so, dass der Schall möglichst diffus gebrochen wird.

Vor einem Fenster habe ich den Molton mit so genannten Hold-On Clips (schwer) befestigt, denn das ist der größte Reflektor im Raum. Seitlich und gegenüberliegend hängt der Molton an einer “spanischen Wand” (mobiler Raumteiler).
Die Clips können z.B. an “Straps” befestigt werden; da sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt.

Selbst durchgeführte Tests haben ergeben, dass der Unterschied zwischen Akustikmolton und “einfachem” Molton eher gering ist. Hier sehe ich gewisses Sparpotenzial.

Zwei Faktoren sollten berücksichtigt werden:

  1. Die Raumdecke. Als Reflektor gerne unterschätzt. Hier kann Basotect® gezielt - nicht großflächig! - eingesetzt werden. Es kann sogar dekorativen Charakter haben (mir ist das mal in einem Restaurant aufgefallen, da dachte ich erst, das seien abgehängte künstlerische Elemente mit indirekter Beleuchtung - erst später, auf Fotos, ist mir aufgefallen, dass das Basotect® gewesen sein muss) und ist äußerst wirkungsvoll.
    Ich habe zu diesem Zweck ein kleines Stück Pyramidenschaumstoff dieses Typs an die Decke genagelt (!) und es wirkt sensationell.

  2. Der Tisch. Wenn es sich um einen reinen Sprechertisch / -platz handelt, würde ich auch diesen als mögliche Reflexionsfläche in Betracht ziehen. Das hängt vom Sprecherplatz ab. Auch hier kann der Einsatz von (einfachem) Molton hilfreich sein.

Molton gibt es - aus deutscher Sicht - gewissermaßen wie Sand am Meer. Verschiedene Gewichte, Farben, Standardmaße vorkonfektioniert oder laufende Meter, zugeschnitten. Sogar fertig geöst gibt es ihn, aber das entspricht nicht Deiner Vorgabe.
Inwiefern sich das mit dem Import in die Schweiz verteuert, vermag ich aktuell nicht zu sagen.

Zu Deiner Frage nach dem Nähen: Kommt auf die Nähmaschine an, würde ich sagen - und natürlich den verfügbaren Platz. Molton kann schwer zu bändigen sein, und unsachgemäße Behandlung führt zu unschönen Falten. Zugeschnitten sollte er in jedem Fall sein.


#6

Diese günstige Selbstbau-Variante für Absorber fand ich äußerst interessant:

Vielleicht wäre Handtuchmaterial auch etwas für eine Vorhanglösung.


#7

Ein kleines Update:

Der Molton Markt scheint mein Anbieter zu werden. Dort kann man sich seinen Molton-Vorhang in diversen Ausführungen zusammenstellen und nach Maß fertigen lassen.

In meinem Fall: Gekräuselt, 2,2m hoch, 2,75m breit (reine Stoffbreite ca. x1,8 breiter, weil Wellen)
Kostet inkl. Mwst. und Versand rund 140€.

Nachdem ich von den Schweizer Anbietern Offerten bis CHF 1’400.- dafür erhalten habe, ist das eine willkommene Abwechslung.

Sobald ich das Ding einige Wochen im Einsatz hatte, werde ich mich hier wieder melden.


#8

Im Thread Schalldämmung im Zimmer der Aufnahme hatte ich Vergleichswerte aufgeführt. Bühnenmolton hatte ich da ab 3 Euro/m^2 gefunden, so hört sich deine Variante etwas teurer an.


#9

Danke für die Zahlentabelle. Die hatte ich nicht mehr auf dem Schirm.
Der reine Quadratmeterpreis ist leicht trügerisch. Ich brauch ja noch jemanden, der mir den Vorhang nach meinen Spezifikationen näht - das wird wohl den Preis machen. Ein günstigeres Angebot für Individualfertigungen nach Spezifikation habe ich nicht gefunden.


#10

Teste erstmal etwas mit Zeug rum, dass Du zu Hause findest, Decken oder so. Mal auslegen auf den Boden, an Wände hängen, mit etwas Abstand, oder ohne, usw. Lern also die Akustik des Raumes etwas kennen, wo es am Stärksten hallt, wo nicht.

Du kannst so ausprobieren, wo Du wirklich was schallverbessern musst. Ich hatte am Anfang ne eigene Schallkabine um mich rum aufgebaut, weil mein Raum hallt wie nix Gutes.
Jetzt hängt bei mir vor mir etwas an der Wand(Molton von Thomann gekauft), hinter mir ist frei, obwohl da der Raum ist. Und vermutlich ist das immer noch mehr, als ich wirklich brauchen würde.

Der Gag ist, dass es in Räumen manchmal nur wenige Punkte/Flächen für den Hall verantwortlich sind und sich der Rest aufschaukelt. Wenn Du die richtigen Stellen dämmst, kommste oft mit wenig aus(daher viel experimentieren).

Ich hab mal in nem professionellen Tonstudio nen Praktikum gemacht und dort war sehr trockener Klang.
Was an den Wänden dafür hing, war aber so gut wie nix, etwas in den Ecken, eben dort, wo es notwendig war.
Das hatte aber vorher auch nen Akustiker ausgemessen, der dann sagte “Da, da und da, da hängta was hin, dann klingts juht”.