Wie sprecht ihr mit und von euren Hörern /Innen)?


#1

Mir ist schon oft negativ aufgefallen, dass viele Podcastshosts von den Hörern als “ihr da draußen” sprechen, als sei eine Mauer zwischen dem Host und den Hörern.

Dies verletzt nicht nur mein Empfinden aus Hörer von über 200 Podcasts, ich empfinde es auch als arrogant, herablassend und es hat schon fast das Format, in dem die etablierten Politiker von dem Wahlvolk sprechen.

Das möchte ich unbedingt vermeiden, und suche auch eine Formulierung, die nicht aus gegenderten Hörern oder Äquivalenten besteht.

Wenn ich einen Podcast aufnehme sind die Hörer in meinem Kopf und nicht da draußen. Wie ist es bei euch?


#2

Ist bei mir auch so. Ich Duze meine Hörer in den Formaten in denen ich sie anspreche. Schließlich hören mich die meisten ja eben mit Kopfhörern ganz privat und eben nicht im Rudel :slight_smile:


#3

Als regelmäßiger Hörer deiner Podcasts muss ich mal sagen, dass das jedes Mal iritierend auf mich wirkt. Bin mir nicht Sicher, ob das nur so ist, weil ich sonst nie so angesprochen werde, oder ob ich mich lieber als Teil einer Gruppe fühle.
Ich arbeite in einer Amerikanischen Firma und bin das „Du“ eigentlich gewohnt.


#4

Interessantes Thema.
Hier kann ich nicht als Podcaster, wohl aber als Webcaster (Webradio-Moderator) einen Teil zu beitragen.

Das sehe ich anders, und den Vergleich zur Politik und einer vermeintlichen herablassenden Abgrenzung finde ich schon sehr hart.

Aus meiner Sichtweise heraus hat das nichts mit Arroganz und Herablassung zu tun (dann wären über 90% der Webradios mit diesem Attribut zu versehen).
Vielmehr geht es um ein ganz simples Verhältnis von 1:n (Moderator bzw. Podcasthost zu Hörern (Plural; sie selbst betrachten sich auch als Masse, obwohl ein Individuum innerhalb dieser Masse zuhört)). Es wäre naiv anzunehmen, dass der Host den Podcast nur für den einen Hörer produziert - ebensowenig, wie eine Radiosendung nur für einen Hörer gestaltet wird.

Tatsächlich gab es bei den verschiedenen Stationen, für die ich tätig war, neben den allgemein üblichen “wir für euch”-Wordings einen Sender, der auf der “Du”-Ansprache bestand. Der Grund dafür ist, dass in seinem Claim grundsätzlich alles auf “Dein” ausgerichtet war und das im Sender auch konsequent so durchgezogen wurde.
Für mich war das eine sehr anstrengende Umstellung.

Ähnliches habe ich erlebt, als ich für einen Veranstaltungsfunk tätig war. Da war die Vorgabe “sie” (weil das besser zu unserem Publikum passte) - und viele der Bürgerfunk-Kollegen hatten erhebliche Umstellungsschwiergkeiten von dem “euch” auf “sie”.
Das “ihr” halte ich für allgemein üblich und akzeptiert. Es ist das erste Mal, dass es als arrogant und herablassend kritisiert wird.

Das überrascht mich jetzt schon etwas. In der Webcast-World würde das vermutlich auch auf Unverständnis stoßen (da freut man sich, wenn man mehrere Hörer hat, und, ja, sie werden als Gruppe angesprochen). Im Podcast-Bereich scheint das wohl anders zu sein?


#5

In den Podcasts die ich so höre (ziemlich buntes Feld) ist ausschließlich von einem sehr umarmenden “ihr” die Rede. “Du” nur, wenn einzelne Kommentare herausgegriffen wurden, und auch dann eher in der 3. Person (xy schreibt).

Ich habe das noch nie als Problem empfunden, und habe es in meinen Podcasts/Screencasts auch immer so gehandhabt.


#6

Als Hörer finde ich ein “Ihr da Draußen” völlig in Ordnung. Ich bin ja selbst nicht da, also anwesend. “Du da vorm Lautsprecher” empfinde ich eher als schwierig.

Ich höre Podcasts bei allerlei Tätigkeiten und eine direkte Ansprache erzeugt direkt einen Bruch in der Aufmerksamkeit und Distanz. Das mag psychologisch total toll sein, aber es stört eben.
Es gibt Ausnahmen, aber bitte nicht ein ständiges “Du da, Du da, Du da”… - Das höre ich schon den ganzen Tag, wenn hier wieder Youtube von irgendwem läuft.

Bei 2er-Runden nervt es mich, wenn mit “Du” mal der Gesprächspartner, mal ich als Hörer gemeint bin.

Beim Aufnehmen aber, ja, da bin ich auch noch unsicher. Ich suche noch eine schöne Formulierung die ich dann grundsätzlich verwenden kann. “Liebe Hörer” empfinde ich noch als angenehmsten Kompromis.


#7

Ich bevorzuge ebenfalls das Du. Ich find‘s direkter und persönlicher. Als Bonus ist es noch geschlechterneutral.
Einziger Nachteil: Aufpassen, dass sich nicht der Gast oder Co-Host angesprochen fühlt!


#8

Da ist meine Hörerschaft auch gespalten. Ich wiederum frage mich warum es dich eigentlich irritiert? Geht es da um die Distanz? Viele Radiosender Siezen ihr Publikum ja, wäre das weniger irritierend?
Ich finde das “umarmende ihr” jedenfalls gleich doppelt schwierig. Erstens sitze ich ja allein vorm Mikro und zweitens rede ich in der Regel mit einem einzelnen Hörer und nicht mit einer Gruppe. Oder hörst du den Podcast mit anderen zusammen?


#9

Dank für die ausführliche Antwort. Ich weiss, dass meine Haltung schwierig, im Sinne von, wenig verbreitet, ist. Aber wenn ich Nahles von “diese Leute” sprechen höre, weiß ich genau, sie ist weder Sozialdemokrtin noch hat sie Empathie, sie ist eine Technokration der Macht. Nicht mehr, nicht weniger.

Viele Politiker sprechen “ihr” Qahlvolk in dieser Weise an und ich fühle mich wirklich abgestoßen.

Jetzt kommt ein Podcasthost daher, und fragt, wie euch da Draußen geht, war wir das Draußen für eine Meinung zu XY haben und ich empfinde ebenso, wie es bei Nahles tue. Da zieht jemand eine unnötig hohe Mauer zwischen sich und mir und Meinesgleichen hoch. Warum? Es muss doch bessere Formen der Ansprache geben.

Wenn mich jemand duzt, dann erwarte ich auch von dem Host, dass er sich des Du dadurch würdig erweist, dass er auch über sich persönlich wird, sonst besteht wieder diese Differenz.

Für mich als Host ist es so: Ich bin gedanklich in einem Dislog. Ich fühle keine anonyme Masse “da Draußen”, ich spreche für und zu einer Prson. Ich habe keine Vorstellung von dieser Person, keine genaue, aber es ist mindestens ein Mensch, zu dem ich gerne rede. Ein mensch, der Antworten auf meine Rede in meinem Kopf entstehen läßt.

Ist es bei euch deutlich anders? Liegt an der Hörerzahl? Je mehr, desto weniger nah?

Wie ist es bei euch?


#10

Gute Fragen Dirk. Ich möchte an Dich die Frage richten, welchen Einfluss die Anzahl der Hörer für Deine Form der Ansprache hat.


#11

Ich würde auch keine spezifische Hörsituation unterstellen wollen. Es gibt Einzelhörer und Hörgemeinschaften. Hörer, die nebenbei Hausarbeit machen, Sport oder sonst etwas, manchmal auch nur das. Ich höre Podcasts meistens vom Mobiltelefon, 30 Prozent vor dem PC, weil ich ja ohnehin davor sitze und einen guten Anteil heruntergeladen an der Audioanlage, weil mir der Klang wichtig ist.

Prizipiell kann ich aber sagen, dass es kaum eine Situation gibt (vielleicht Duschen oder Sex) bei der ich nicht höre. Es ist bei mir eine Sucht und ich baue innerlich ein Verhältnis zu den Hosts auf, habe ein starkes Bild von ihm und bin immer am Reparieren und verbessern, wenn ein neues Faktum der alten Sammlung nicht hinzugefügt werden kann.

Insofern ist der Host für mich nicht ein “da Draußen” sondern in mir drin. Das heißt aber nicht, dass ich ein Fanboi bin oder ählich. Ich setze mich einfach intensiv auseinander. So denke ich, werden viele oder die Meisten hören und dennoch individuell empfinden. Deswegen schreckt mich eine allgemeine Ansprache eher ab.

Du ist immer in Ordnung, wenn der Host sich gedanklich für sich auch darauf einlässt.


#12

Ich gehe von der Hörsituation aus.
In einem Vortrag vor Publikum wäre das “Du” unangemessen weil sich niemand angesprochen fühlt. Du brauchst ja nur nach links oder rechts schauen um zu sehen, dass der Vortragende unmöglich dich gemeint haben kann.
Beim Podcast ist es aber so, dass du als Einzelperson Kopfhörer aufsetzt und ich als Sprecher das auch genau weiß. Eine Gruppenansprache würde ich da dann nur wählen wenn ich meine Hörer daran erinnern will, dass sie auch noch Teil einer Gruppe sind weil mein Inhalte irgendwie eine Gruppe voraussetzt oder da besser funktioniert. Aber warum sollte ich das beim Anerzählt tun? Ich sehe selbst bei der Aufnahme ja keine Gruppe, meine Inhalte sind nicht darauf ausgerichtet sich speziell an Gruppen zu richten und du selbst bist ja auch mit mir allein während du zuhörst.
Das ist doch eigentlich eine recht intime Situation, warum soll ich da plötzlich in der Mehrzahl mit dir sprechen?


#13

Abgesehen von den Kopfhörern stimme ich Dir sehr zu. Ich höre immer ohne Kopfhörer, schon wegen des beiderseitigen Tinnitus, aber auch wegen der besseren Freiheit der Bewegung. Und ich möchte während des Höres, weil ich es so oft machen, auch für andere zugänglich sein.


#14

Ich verstehe es selbst nicht genau, aber evtl. liegt das an diesen CD‘s meiner Mutter. Die hat so Meditatonskram und Entspannungsanweisungen. Da stellen sich bei mir die Nackenhaare auf. :confused: Ich höre dein Projekttagebuch dann aber trotzdem, weil ich dort immer wieder tolle Anregungen erhalte.


#15

Dem kann ich aus dem halbprofessionellen, klassischen Radio zustimmen: Entweder “Sie” oder “ihr”. Wobei das “Sie” im Deutschen keine Differenzierung von Singular und Plural zulässt, jedoch immer im Plural gemeint ist.
Ein Moderator spricht viele Hörer an. Hörbar auf jedem Radiosender. Selbst sehr intime Sendungen wie früher Domian waren grundsätzlich “ihr” und erst im Persönlichen ein “Du”: “Habt ihr das schon einmal erlebt? Dann ruft an” - “Hallo Sebastian, was ist deine Geschichte?”

@arvid:
Kann es sein, dass du dich besonders an dem “ihr da draußen” störst und weniger am “ihr” selbst?
Den Ansatz kann ich grundsätzlich verstehen - er baut tatsächlich eine gewisse Mauer auf.
Aber eine Mauer ist natürlich: Podcast-Hosts befinden sich auf einer Art virtuellen Bühne. Sie sind diejenigen, die über das Mikro bestimmen und mit einer Art Sendungskonzept die Kommunikation leiten. Sie entscheiden über Beginn und Ende einer Kommunikation, sie produzieren ein Medium als einzelne Person/Gruppe, dem mehrere Personen/Gruppen (in der Regel) freiwillig konsumieren.

Ich sehe da eine große Parallele zu Theater oder Podiumsdiskussionen. Und da gibt es eben ein “Wir - hier auf der Bühne, als Leiter eines Formats” und ein “Ihr - die mit Freude und Enthusiasmus diesem Format folgen”.
Es ist nicht diskutabel, dass ein Moderator/Künstler eines Werks nicht gleichberechtigt mit seinen Rezipenten sein kann. Wie der Moderator/Künstler diese Kluft überwindet, ist seinem Stil und dem Format überlassen.

Ich stimme dir zu, dass ein “Ihr da draußen” kommunikativ die Kluft größer macht als man sie selbst erleben möchte. Dann lässt man das “…da draußen” weg und holt so die Leute kommunikativ in den selben Raum wie den Host. Das ist schon einmal viel wert.

Ein “Du” finde ich aber falsch, da das “du” in der Kommunikation der direkten Kommunikation vorbehalten ist. Echter Dialog. Per Telefon, Videochat, persönliches Treffen. Um es plastisch zu machen:

Ich finde, dass deine Frage, arvid, sehr spannend ist. Und ich finde euren Austausch darüber spannend. (Keiner würde sagen, dass man deine Antwort gut fände und meint damit das Kollektiv von Uli, Dirk, stix, Ralf, Amsterdammack, Joey und dir)


#16

Ich denke über meine Antwort noch nach, aber Du hast völlig Recht, dass ich das “da Draußen” als sehr unangenehm empfinde.


#17

Ich gehe da bei vielen Punkten mit, allerdings ist Radio eben auch nicht Podcast. Das fängt schon damit an, dass (lineares) Radio in der Regel immer von einer Gruppe gehört und von einer Institution produziert wird während Podcasts eben im Normalfall nicht live verfolgt werden und auch nicht von einer Institution sondern (oft und in den Fällen wo wir überhaupt in Versuchung kommen können das “Du” zu verwenden) von einer Einzelperson kommen. Ich produziere buchstäblich für jede einzelne Person und es geht mir ja gerade um den Kontakt.

Es würde unseren Hörern umgekehrt ja auch im Traum nicht einfallen uns auf einem Hörertreffen zu Siezen. Sie wähnen sich eben auch in einer persönlichen Beziehung, das ist bei Radio zwar auch denkbar aber doch deutlich schwieriger zu erreichen.

Außerdem hängt viel am Format selbst. Längst nicht jedes Format spricht ja die Hörenden gezielt an. Wenn aber doch, dann ist das “Du” eben auch nicht unbedingt falsch sondern eher eine Methode die Distanz zu der Hörerin/dem Hörer weiter zu verringern.


#18

Ich höre nun bereits viele Jahre Podcasts mit sehr persönlicher Note der ModeratorInnen, aber empfinde es wirklich als sehr, sehr (sehr!) unangenehm und distanzlos, mit „du“ angesprochen zu werden. Duzen verorte ich bei peinlichen Ratgeberformaten in Audio- und Videoform, insbesondere auf YouTube, die ein persönliches Verhältnis zu ihren HörerInnen erzwingen wollen. Das unangenehme Gefühl wird dabei (abgesehen vom Inhalt) nicht ausschließlich durch die Anrede ausgelöst, sondern auch durch die Tatsache, dass die HörerInnen solcher Formate schlichtweg häufiger angesprochen werden als in anderen. Daneben sollte man sich vor Augen halten, wie diese Anrede auf neue HörerInnen wirkt, die zum ersten Mal einschalten.

Eigentlich höre ich auch keine Monologpodcasts, aber selbst dort wäre mir ein „ihr“ lieber. Podcasts mögen ein sehr persönliches Medium sein, denoch: Wir kennen uns im Zweifelsfall gar nicht. Dass man seine HörerInnen beim persönlichen Treffen nicht siezen würde, ist davon völlig unabhängig.

Ich behaupte einfach mal: Lieber zu unpersönlich als zu persönlich.


#19

Ich finde so ein ‘Du’ auch eigenartig, weil klar ist, dass Du ja nicht mit mir alleine sprichst. Es ist ja eine Sendung, die viele hören. Und da erscheint mir das wie ein Pseudo-persönliche Ansprache.


#20

Ich würde dich als Hörer auf einem Treffen tatsächlich gerade nicht automatisch Duzen, allerdings habe ich noch nie erlebt, dass umgekehrt irgendwelche Scheu bestünde. Die Leute haben ja alle das Gefühl den Podcaster gut zu kennen, umgekehrt ist das anders…