UliNobbe
(Uli Nobbe)
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Jetzt musste ich doch tatsächlich erst mal in meiner Hitliste der Unterviewsituationen in lauten Umgebungen kramen. Und tatsächlich: Alle mit dem Dynamiker gemeistert; der Einsatz eines Kondensators wäre da meiner Meinung nach nicht so angezeigt gewesen.
Aber so richtig anbrüllen mussten wir uns da eigentlich nie. Okay, ist auch schon ein paar Tage her - mittlerweile brüllt ja jeder Depp in sein Mobiltelefon, dass es der Gesprächspartner am anderen Ende auch ohne Technik verstehen müsste; leidgeprüfte Nahverkehrs-Pendler wissen wahrscheinlich, was ich meine.
- Februar 2015, Demonstrations(versuch) der so genannten „Pegida Frankfurt Rhein Main“ aka Fragida*, mit katastrophaler Beschallung daselbst, Beschallung von der Gegendemonstration und zu allem Überfluss im ersten Interview dann auch noch das Geläut der Katharinenkirche (dem Vernehmen nach als Protest).
Natürlich redet man da allgemein lauter, aber das wurde bestens abgefangen (ich musste nichts nachbearbeiten!). Im Endergebnis aber hatte ich ein hervorragend authentisches Stimmungsbild bei voller Sprachverständlichkeit, ohne zu übersteuern.
Ein Kondensatormikrofon, ganz gleich welcher Richtcharakteristik, hätte da vermutlich bös zu kämpfen gehabt (und ich fummel’ da bestimmt nicht erst nach einem Pad-Schalterchen!).
*= Kurze Zeit später durfte sich diese vergleichsweise kleine Bewegung nicht mehr so nennen; ausgerechnet das „Dresdner Original“ hatte ihr das verboten. 
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2008 oder 2009, CSD Frankfurt, zu Beginn der Parade. Ich führte gerade ein Interview mit der Initiatorin des sog. „Lesbenblocks“, das Gespräch knackte die 12-Uhr-Marke, die Glocken der Paulskirche begannen zu läuten und die Parade-LKW verließen den Römerberg, mit lauter Musik an uns vorbei fahrend. 
Geile Atmo, unbestritten, aber trotz Monitoring (das dann irgendwann auch nicht mehr funktioniert) wähnte ich meine Aufnahme schon im Papierkorb. War sie aber nicht, sondern ganz im Gegenteil: In der Sendung (es war damals für den Webcast, nicht für einen Podcast) vermittelte es unseren Hörern unmissverständlich „Da war jemand für uns so dabei, als wenn wir selbst mit dabei gewesen wären“ - und genau DAS liebe ich.
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Musikmesse / prolight+sound, vermutlich 2016: Es war nicht gerade eine der lauten Messehallen und zudem eine etwas ruhigere Ecke - die dann natürlich um so anfälliger für plötzliche Lärmereignisse ist. Ich konnte ein sehr entspanntes Gespräch führen, aber das „Grundrauschen“ war schon vergleichbar hoch. Wir haben das Gespräch mit zwei Sennheiser-Dynamikern geführt (die auch so schon genug von der Umgebung aufnahmen), aber ich habe im Multitrack das Zoom über die eingebauten Mikrofone primär die Atmo mit aufnehmen lassen und als weitere Spur beigemischt.
Natürlich waren unsere Stimmen zusätzlich ein Bestandeil der Atmo, aber genau das verlieh der Aufnahme noch mehr Tiefe.
Mag ja sein, dass ich einer alten, aussterbenden Schule entstamme - aber ich nehme meine Hörer gern mit in die Aufnahmesituation, liefere ihnen die Bilder im Kopf, die ich nur akustisch transportieren kann. Dazu brauche ich Mikrofone, die ebenso einschließend wie transparent sind.
Und gerade wenn die Leute anfangen zu brüllen, dann möchte ich eine Kugel haben, die so etwas eher verzeiht als ein gerichter Kondensator - Impulstreue der Kleinmembraner hin oder her.
Letztlich muss jeder wissen, wie er seine Aufnahme gestalten will - aber wenn ich mitten im Geschehen stehe, dann bin zumindest ich dagegen, es auszuschließen oder zumindest zu reduzieren. Das kann - aus meiner Erfahrung heraus - schwer in die Hose gehen.
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