Ich denke ich war in diesem Fall nicht (nur) Teil der Lösung, sondern auch Teil des Problems. Daher, im Sinne der klassischen Gender Studies (wer spricht) der Versuch einer Positionsbestimmung, warum ich ganz persönlich wie agiert habe.

Der betreffende [user] und ich hatten - auch wenn wir nie explizit darüber gesprochen haben - mit einiger Sicherheit eine ähnliche politische Sozialisation. Meine war an der sozialwissenschaftlichen Fakultät der Uni Göttingen: stramm links. Ich habe mit linken Kadergruppen diskutiert, auch mit Antifas die in Göttingen historisch eine ganz besondere Bedeutung und Gewicht hatten (sie haben de fakto die Innenstadt von den Nazis zurückerobert, es gibt einen tollen Podcast dazu von @dieKadda:

Das war genau mein Milieu.
Auch wenn ich mich politisch mittlerweile viel weiter in der Mitte verorten würde, so sind aus dieser Zeit dennoch einige Grundpositionen hängen geblieben, die ich ab und an auch schon hier im Sendegate angebracht habe. Das sind etwa: “Es gibt kein richtiges Leben im falschen”. Oder auch: “die bestehenden Widersprüche aufzeigen und vertiefen”.

Linke Theorie, etwa manifestiert in der Frankfurter Schule, ist ein ausgesprochen unangenehmer Ort. Zum einen, weil eine Unerbittlichkeit gegenüber sich selbst eingefordert wird - man kann sich schlicht nicht als links denkender Mensch verstehen und gleichzeitig das Dschungelcamp “ironisch” sehen. Ironie gibt es nicht in der Linken Theorie nach Auschwitz, bzw. wenn dann lediglich als Mittel der politischen Agitation.

Zum anderen, weil der Hauptgegner allzu oft nicht der Klassenfeind ist, sondern die eigenen Genossinnen und Genossen. Nirgendwo wird sich so umbarmherzig selbst zerfleischt wie in den linken Bewegungen. Diese Sequenz von Monthy Python ist keine Ironie (sic) sondern pure Tatsachenbeschreibung:

Alles Spalter. Der Umgangston auch untereinander war und ist allzu oft: unversöhnlich und hart. Davon sind auch eigentlich emanzipatorische Bewegungen im Internet nicht gefeilt: man google etwa mal die Historie der “Mädchenmannschaft”.

Jeder® stramme Linke würde natürlich stets von sich behaupten, dass man rein sachlich argumentiert - de fakto ist es aber eigentlich immer auch, oft zuerst: ad hominem.

Wenn man in so einer Denk-und Debattenkultur groß geworden ist, sind die Aussagen und Strategien von [user] relativ “normal”. Dass das aber wiederum eine klassische “white dude” Denkweise ist (sollen sich alle nicht so anstellen, gibt Schlimmeres, bloß keine Widersprüche unaufgezeigt lassen) und im Wesentlichen auf nicht hinterfragten Privilegien basiert, ist ein sehr langer und beschwerlicher Erkenntnisprozess, der auch bei mir erst vor ein paar Jahren begann und der noch längst nicht abgeschlossen ist.

Mit “Check mal deine Privilegien” wurde das gut auf den Punkt gebracht, und mir scheint das, sehr, sehr viele ältere Linke - also meine Jahrgänge ü40 - damit sehr, sehr große Probleme haben. Einen strammen Linken triggert dann eine Debatte über gendergerechte Sprache, weil man nicht wahr haben will, dass man 40 Jahre lang einen blinden, linken Fleck hatte, der auf eigenen Privilegien basiert. Bei mir persönlich ist das vor rund 20 Jahren durchbrochen worden, als ich im Dokorandenkolloquium zum Thema Gender Studies als einziger Mann monatelang von 6 Frauen zusammengefaltet wurde. Es hat sehr lange gedauert, bis ich akzeptieren konnte “ja - ihr habt da einen Punkt”.

Nun hat nicht jede® Mensch das Glück, in einem solchen Kolloquium zu sitzen. [user] saß dort mit Sicherheit nicht. Und so hatte ich den Fall, dass ich schlicht 80% seiner Positionen, die er hier vertreten hat, voll unterschreiben konnte. So etwa auch besagter Thread zum Djungelcamp. Aufgrund der Debatte damals war die letzte Staffel die erste überhaupt, die ich mir bewusst nicht angesehen habe. Die fehlenden 20% hat man unter Linken ohnehin immer.

Was ich schon früh nicht gebilligt habe, war sein passiv-aggressiver Ton, der dann auch oft umgeschlagen ist. Entsprechend meiner Sozialisation (siehe oben) war der für mich aber relativ bekannt, und teilweise erinnere ich mich gedacht zu haben “endlich mal jemand, der zuspitzt und die Widersprüche nicht zukleistert mit Flausch, das tut dem Sendegate auch mal ganz gut”.

Das dahinter aber hier eine toxische Methode steckte, und insbesondere Userinne darunter zu leiden hatten, habe ich erst viel zu spät (Januar 2019) gemerkt. Hätte ich die Vorgeschichte zur gendergerechten Sprache gelesen, hätte ich im Thread vom Djungelcamp anders agiert. Laut Statistik liest niemand mehr im Sendegate als ich, aber auch ich lese nicht (mehr) alles.
Ich hatte dann einen relativ intensiven DM-Austausch mit [user] und er wollte schon da gelöscht werden. Da diese Forensoftware das eigentlich nicht vorsieht, haben wir uns darauf geeinigt dass er eine Pause einlegt, was ein paar Monate lang auch erfolgt ist. Seine Beiträge danach waren auch ganz produktiv, Bei Podimo ist es dann aber wieder ausgeufert mit dem bekannten Ergebnis.

Was ist nun zu tun?

Ich denke wir haben oben ja schon eine Konsens-Meinung erzielt. Auch ich sehe es so, dass 95% der Beiträge hier produktiv sind. 5% toxische Zugabe ist aber eben immer genug, um ein Biotop umkippen zu lassen, und daran sollten wir arbeiten.

Die Werkzeuge, die Discourse zur Moderation mitgibt sind mächtig, in der Summe aber immer auf einzelne Beiträge bezogen. Und das Muster ist hier schon gut beschrieben worden - der einzelne Beitrag ist ganz, ganz selten das wirklich Problem und meist scharf am guten Geschmack vorbei aber erträglich - nicht erträglich ist aber die darunter liegende Gesamtstrategie.

Ich denke mit einem CoC macht man zumindest mal nichts falsch, ich glaube insbesondere dass man hier auch gut ein paar Podcasting-Spezifische Aspekte mit reinbringen kann. Eine Schiedsstelle einzurichten finde ich auch einen guten Gedanken, in diesem zuge sollten wir überlegen, ob die derzeitige Zusammensetzung der Mods noch das aktuelle Interesse abbildet - die sind glaube ich alle vor 4 Jahren berufen worden und hier teilweise nicht mehr (sehr) aktiv.

Wir haben auch einen Sendegate-Kanal im Slack, vielleicht ist das ein besserer Kanal als das etwa dezentrale Mod-System direkt hier. Ein geschützter Mod-Forenbereich hier wäre eine andere Variante.

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