Hallo,
ich sehe es etwas anders als Du und meine Antwort ist leider ziemlich lang geworden, sorry.
Kitik an der These:
Aus der Korrelation, dass Podcasts in den USA in den Top 25 auch älter als 2 Jahre sind, lässt sich keine Kausalität hinsichtlich der Kreativität von Podcastern und Podcasterinnen ableiten.
Begründung für die Kritik
Downloadzahlen sind sicherlich keine geeignete Messgröße für Kreativität, da kein unmittelbarer Zusammenhang zwischen Downloads und Kreativität besteht.
Der Markt kann in anderen Ländern durchaus anders aussehen, daher ist die Verallgemeinerungeine eine zweite gewagte Schlussfolgerung.
Meine Interpretation
Für mich ist die eigentliche Aussage hier eher, dass Spotify in den USA mit Podcasts weniger und langsamer Geld verdient, als sie es gerne möchten.
Einen Rückschluss auf Podcasts in Deutschland halte ich für eher schwierig, da der Markt für deutschsprachige Podcasts viel kleiner ist.
Ich habe mir gerade mal die Top 50 der Spotify Podcasts aus Deutschland angeschaut [1].
Nur in zwei davon habe ich jemals reingehört (Fest & Flauschig und Zeit online Verbrechen).
Bei Apple sind es immerhin schon 5 dabei, die ich höre [2].
In meinem Podcatcher befinden sich aber ca 150 Podcasts. Davon höre ich leider nur um die 15 regelmäßig.
Eigene Thesen
Das basiert zwar alles nur auf anekdotischer Evidenz, aber für mich ist mein Hörverhalten ein erster Ansatz für meine steilen Thesen:
-
Spotify & Apple Podcastcharts sind mit Vorsicht zu genießen.
-
Der deutsche Potcastmarkt scheint heterogener zu sein als der amerikanische.
-
Das ist jetzt zugegebenermaßen eine sehr amateurhafte philosophische Betrachtung:
Brecht hatte es meiner Ansicht nach in der Radiotheorie [3] ganz gut getroffen:
Zitat
„ Man hatte plötzlich die Möglichkeit, allen alles zu sagen, aber man hatte, wenn man es sich überlegte, nichts zu sagen. […] Ein Mann, der was zu sagen hat und keine Zuhörer findet, ist schlimm daran. Noch schlimmer sind Zuhörer daran, die keinen finden, der ihnen etwas zu sagen hat.“
„Um nun positiv zu werden: das heißt, um das Positive am Rundfunk aufzustöbern; ein Vorschlag zur Umfunktionierung des Rundfunks: Der Rundfunk ist aus einem Distributionsapparat in einen Kommunikationsapparat zu verwandeln. Der Rundfunk wäre der denkbar großartigste Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens, ein ungeheures Kanalsystem, das heißt, er wäre es, wenn er es verstünde, nicht nur auszusenden, sondern auch zu empfangen, also den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn auch in Beziehung zu setzen “
Zitat Ende
Genau dies ermöglicht das Medium Podcast meiner Meinung nach.
Da das Medium diese Option bietet,halte ich es auch für so wichtig; zudem es auch die grundlegende Kritik von Hans Magnus Enzensberger an der Radiotheorie abschwächt, weil Podcasts die Wechslwirkung zwischen Sender und Empfänger eher verstärken [4] (Kommentarfunktion, eigene Teilnahme am Podcast usw…)
Meine Schlussfolgerung
Die Wechselwirkung zwischen Sender und Empfänger führen zu einer Form von Kreativität, die ich sehr schätze!
Die meisten monetär erfolgreichen Podcasts sind aufgrund ihrer Größe nicht in der Lage diese Wechselwirkung aufrecht zu erhalten.
Sie bestätigen damit eher Enzensbergers Kritik.
Ich sehe die Aufgabe daher darin, dass Unternehmen wie Spotify, Apple usw. genügend Interesse an dem Medium behalten, um das Leben in den phantastischen Nischen zu vereinfachen.
YMMV
Grüße
Gero
[1]
[2]
[3]
[4]